Aufbruch


Einleitung:
Durch eine Reihe von verschiedenen Autoren, die einander nie begegnet sind, setzt sich ein roter Faden der Selbsterkenntnis hinweg; hin zum Selbst, der Seele, dem Ich unabhängig von jeder Philosophie oder Religion.
Der gemeinsame Punkt ist die Gegenwart durch spontanes Handeln und echter Kommunikation für mein Gegenüber zu erleben - mit voller Aufmerksamkeit ohne Denken und damit ohne Zeit.
Dies ist eine kleine Sammlung von Auszügen aus diesen Büchern.



Wonach richten Sie ihre täglichen Handlungen, Entscheidungen, Pläne, Überlegungen usw, wenn nicht nach einer genauen oder vagen Hoffnung? Max Frisch - "Fragebogen"


Die Frage, wer Sie selbst sind. ob es einen Gott gibt, oder die Wahrheit oder die Realität, kann niemals durch Bücher, Priester, Philosophen oder Erlöser beantwortet werden. Niemand und nichts kann diese Frage beantworten als Sie selbst. Zur Wahrheit führt kein Pfad und darin liegt ihre Schönheit; die Wahrheit ist etwas Lebendiges! Dieses Lebendige ist das, was Sie in Wirklichkeit Sie selbst sind: Ihr Ärger, Ihre Rohheit, Ihre Heftigkeit, Ihre Verzweiflung, die Trübsal und das Leid worin Sie leben. Im Verstehen all dieser Dinge liegt die Wahrheit. Es gibt keinen Führer, keinen Lehrer, keine Autorität; Es gibt nur Sie - Ihre Beziehung zu anderen und zur Welt - nichts ist sonst da.





Die Geburt der Individualität und der Schmerz des Alleinseins, die der Freiheit innewohnt, wird auf höherer Ebene durch das spontane Tätigsein aufgelöst. Bei jedem spontanen Tätigsein nimmt der Mensch die Welt in sich auf. Dabei bleibt nicht nur sein individuelles Selbst intakt, es wird stärker und gefestigter.
Denn das Selbst ist stark genau in dem Maße, wie es aktiv-tätig ist.

Die meisten von uns erleben wenigstens Augenblicke eigener Spontanität, die wir gleichzeitig als Augenblicke echten Glücks empfinden. - in solchen Augenblicken haben vielleicht eine Ahnung davon, was das menschliche Leben sein könnte, wenn solche Erfahrungen nicht so selten wären und so wenig gepflegt würden.

Wenn ich mich mit jemanden unterhalte, wenn ich etwas lese - dann gibt es für mich nichts Wichtigeres als das, was ich hier und jetzt tue. Die meisten Menschen leben in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Vergangenheit oder Zukunft gibt es aber gar nicht als reale Erfahrungen. Es gibt nur das Hier und jetzt. Wir schmieden Pläne und treffen Vorkehrungen und sind doch Zufällen unterworfen, die von unserem Willen und unserem Planen völlig unabhängig sind. Diese Konflikte gilt es, bewusst zu erkennen, sie tief zu erleben und sie nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Gefühl zu akzeptieren. Alles kann immer passieren, es ist wichtig das zu verstehen. Einzig das Selbst, unsere Seele kann uns Sicherheit verschaffen.

Verstehen ist kein intellektueller Prozess, Wissen über sich selbst zu erwerben ist etwas ganz anderes, als sich unmittelbar kennenzulernen. Das Wissen, das Sie über sich selbst anhäufen, gehört immer der Vergangenheit an und ist damit nie unmittelbar. Im psychologischen Bereich hingegen lernen Sie sich selbst immer nur in der Gegenwart kennen. Um etwas zu verstehen, müssen Sie damit leben, Sie müssen es beobachten, seinen ganzen Inhalt, seine Natur, seine Struktur, seine Strebungen kennen. Haben Sie je versucht, mit sich selbst zu leben?

Der Mensch ist ein Wesen, in dessen Natur wir einen Drang finden, in der Beziehung zu anderen er selbst zu sein. Wir sind nur fähig, den anderen zu erkennen, zu verstehen und zu lieben, wenn wir auch fähig sind, uns selbst zu verstehen, zu lieben und zu erkennen. Das bedarf echter Kommunikation, ohne abstrakten Individualismus, ohne Propaganda oder Zwecke, ohne Abhängigkeit oder Angst. Je transparenter das Selbst für mich wird, desto transparenter können meine Mitmenschen für mich werden.

Freiheit kann psychologische Freiheit bedeuten, womit eine Art ursprünglicher Spontanität gemeint ist, die dem Menschen innewohnt. Nur die Begeisterten können frei sein, also nur die, welche -psychologisch gesprochen- nicht der Regression verfallen, sondern sich um Progression bemühen, um einen Fortschritt, der Unabhängigkeit und zugleich Liebe zu unseren Mitmenschen einschließt. Selbsterkenntnis besagte von jeher, seine Grenzen zu überschreiten und zur Reife zu gelangen - bedeutete also, der zu werden, der wir potenziell sind. Man muss seine Ressourcen ausschöpfen und alle seine emotionalen und intellektuellen Möglichkeiten tätig zum Ausdruck bringen.

Kurz, es kommt, wenn ein Mensch das Bedürfnis hat, sein Leben zu rechtfertigen, nicht auf eine objektive, allgemeine Höhe der Leistung an, sondern eben darauf, dass er sein Wesen, das ihm Mitgegebene, so völlig und rein wie möglich in seinem Leben und Tun zur Darstellung bringe.

Ja, erinnerst du dich, dass ein Professor dir einmal Ähnliches gesagt hat, dass die Welt am Materialismus und am Intellektualismus leide. Der Mann hat recht, aber er wird dein Arzt nicht sein können, so wenig wie sein eigener. Bei ihm redet die Intelligenz bis zur Selbstvernichtung weiter. Möge der Weltlauf gehen, wie er wolle, einen Arzt und Helfer, eine Zukunft und neuen Antrieb wirst du immer nur in dir selber finden, in deiner armen, mißhandelten, geschmeidigen, nicht zu vernichtenden Seele. In ihr ist kein Wissen, kein Urteil, kein Programm. In ihr ist bloß Trieb, bloß Zukunft, bloß Gefühl. Ihr sind die großen Heiligen und Prediger gefolgt, die Helden und Dulder, ihr die großen Feldherren und Eroberer, ihr die großen Zauberer und Künstler.


Auch der Seidenwurm mag nicht glücklich sein, wenn er sich einspinnt, aber es gibt ein Gefühl, das weit mehr als Glück ist. Die Bestimmung aber ist in jedem Menschen eine eigene, auch findet man sie nie, wenn man danach sucht; aber in Momenten der Rührung, im Zusammensein mit Gleichgestimmten oder der Einsamkeit mit sich selbst, geht sie hervor wie eine Flamme im Dunkel und wer nicht willkürlich die Augen verschließt, verkennt sie nie. Daran halten auch Sie sich, meine Liebe, wenn Sie sich verlassen fühlen. Eigentlich sind sie es nie.

Wilheilm von Humboldt an Johanna Mothberby, Berlin, den 7.März 1810


Spontanes Tätigsein:

Freiheit 
Wenn wir über Freiheit sprechen, meinen wir dann die totale Freiheit oder nur die Freiheit von etwas, das uns unbequem oder unangenehm ist? Ist es Freiheit, wenn Sie von etwas frei sind? Wenn Sie sagen, dass sie von etwas frei sind, ist das eine Reaktion, aus der dann eine andere Reaktion folgt mit einer anderen Anpassung, einer Form der Abhängigkeit. Die Jugend von heute empört sich wie jede Jugend gegen die Gesellschaft. Das ist an sich etwas gutes, aber Aufruhr ist keine Freiheit. Sie glauben, dass es etwas Neues sei. Es ist aber nichts Neues; es ist das Alte in einer anderen äußeren Form.
Freiheit kommt nur, wenn sie sehen und handeln. Das Sehen ist Handeln und eine solche Handlung ist unmittelbar und spontan, wie wenn Sie eine Gefahr wahrnehmen. Dann wird nicht das Gehirn eingeschaltet und es gibt keine Diskussion, kein Zögern. Leben Sie einfach mit sich, wie Sie tatsächlich sind. Freiheit ist ein Zustand des Geistes, nicht Freiheit von etwas zu sein. Solche Freiheit bedeutet, völlig allein zu sein. Wenn Sie allein sind, innerlich zu keiner Familie, keiner Nation, keiner Kultur, keinem Kontinent angehören. In dieser Abgeschiedenheit werden Sie anfangen zu verstehen, wie notwendig es ist, dass Sie so leben, wie Sie sind.
Wenn sie sagen "Ich bin frei", dann sind sie nicht frei. Es ist so, als ob ein Mensch sagt:" Ich bin glücklich." In dem Augenblick, da er das sagt, lebt er in der Erinnerung an etwas, das vorbei ist. Freiheit ist ein Zustand in der Gegenwart, nie in der Zukunft oder Vergangenheit. Sie kann nur ungezwungen entstehen, nicht durch Wollen, Wünschen, Sehnen. Um zur Freiheit zur gelangen, muss der Mensch lernen, ohne die Zeit auf das Leben zu sehen, das eine unendliche Bewegung ist.
Wir wollen eine weitere Frage stellen. Können wir zu dieser Freiheit, dieser Abgeschiedenheit durch die Zeit gelangen? Kann Freiheit durch einen allmählich fortschreitenden Prozess erreicht werden? Offensichtlich nicht, denn sobald Sie die Zeit zulassen, machen Sie sich abhängig. Sie können nicht allmählich frei werden.
Sie sagen:"Ich will darüber nachdenken; ich will überlegen, ob es möglich ist, von der Gewalt, der Furcht, der Abhängigkeit, der Eifersucht frei zu sein oder nicht. Ich will versuchen, frei zu sein."
Dieses "Ich will versuchen" ist das Schrecklichste, was sie sagen können. Es gibt kein Versuchen, Sie können nicht ihr Bestes tun wollen. Entweder Sie tun es oder Sie tun es nicht. Es ist keine Frage der Zeit.



Zeit
Ich möchte als Erstes vorschlagen, dass Sie innerlich vollkommen stillhalten. Wenn Sie das tun, wird der Geist sehr friedlich und klar.
Wissen Sie, was Zeit ist? Nicht die Uhrzeit, nicht die chronologische Zeit, sondern die psychologische Zeit. Sie ist das Intervall zwischen Idee und Handlung. Dieses Intervall dazwischen besteht im Wesentlichen aus dem Denken.
Sie haben eine Vorstellung davon, was richtig oder falsch ist oder ein Konzept über sich und die Gesellschaft und nach dieser Idee schicken Sie sich an zu handeln. Die Handlung stimmt mit der Idee überein, sie gleicht sich der Idee an und dadurch entsteht immer Konflikt. Sie reagieren auf das Neue immer mit dem Alten und daher ewig im Konflikt.
Ist es möglich, jedem Problem ohne dieses Raum-Zeit-Intervall entgegenzutreten, ohne die Kluft zwischen sich und dem wovor man sich fürchtet?

Das Denken bringt nicht nur Konflikt in uns hervor, sondern häuft auch die unzähligen Erinnerungen an vergangene Freuden und Leiden an. Eine neue Tatsache kann nicht durch das Denken wahrgenommen werden. Das Denken kann niemals ein psychologisches Problem lösen. Wie klug, wie geschickt, wie gelehrt es auch sein man, der Gedanke ist niemals neu.
Aber wenn Sie das Denken in seiner gesamten Struktur verstehen, wenn Sie sehen, wie Sie denken, warum Sie denken, welche Worte Sie gebrauchen, in welcher Art Sie sich benehmen - wenn sie dieser Dinge gewahr sind, dann wird Sie ihr Geist nicht betrügen. Er wird außerordentlich ruhig, beweglich und einfühlsam. Wenn man den Wunsch hat, etwas klar zu sehen, muss der Geist sehr ruhig sein, ohne Vorurteile, ohne Geschwätz, ohne Vorstellungen und Bilder - das alles muss beiseite getan werden, damit man schauen kann. Und nur im Schweigen können Sie den Beginn des Denkens beobachten - nicht, wenn Sie suchen, Fragen stellen, auf Antwort warten.
Haben Sie je bemerkt, dass, wenn Sie sich in einem Zustand vollkommener Aufmerksamkeit befinden, der Beobachter, der Denker, das Zentrum, das Ich aufhört zu bestehen? In diesem Zustand der Achtsamkeit beginnt das Denken dahinzuschwinden.
Solange Sie denken, entsteht ein trennender Raum zwischen Idee und Handlung, zwischen Beobachter und Beoachtetem, sei es zu einer Erinnerung, Furcht, einem Problem oder einer Person. Wenn Sie erkennen, dass alles was Sie beobachten, worrüber Sie sich fürchten, erinnern, dass all das Sie selbst sind, der dies tut, dann sind Sie das, was sie fürchten, beobachten oder sich erinnern. Dann gibt es kein Zentrum mehr und das denken schwindet. Sie sind Es selbst.
Ohne das Denken, schwindet auch die Zeit. Dann gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft , kein was wäre wenn und was war, sondern nur die Gegenwart und unmittelbares Handeln. Wenn es nur noch Handlung gibt und Idee spontan wird, werden Sie erkennen, es gibt keine Zeit.

Wir glauben, dass sich in uns im Laufe der Zeit eine Wandlung vollziehen kann, dass nach und nach eine innere Ordnung geschaffen werden kann und dass wir Tag für Tag dazu beitragen können. Es gibt kein Morgen, um darin friedvoll zu leben. Wir müssen augenblicklich friedvoll sein.
Solange ein Zentrum besteht, das den Abstand erzeugt, gibt es weder Liebe noch Schönheit. Wenn kein Zentrum da ist und kein trennender Raum, dann ist Liebe da. Und wenn sie lieben, sind Sie Schönheit.
Wenn Sie auf ein Gesicht Ihnen gegenüber schauen, tun Sie es von einem Zentrum aus und dieses Zentrum erzeugt die Distanz zwischen Mensch und Mensch. Darum ist unser Leben so leer, darum sind wir so gleichgültig. Sie können Liebe und Schönheit nicht entwickeln. Sie können auch die Wahrheit nicht einladen, aber wenn Sie jederzeit dessen gewahr sind, was Sie tun, können Sie das Gewahrsein verfeinern und in diesem Gewahrsein fangen Sie an, einzusehen, was es mit der Freude, dem Verlangen und dem Leid auf sich hat. Sie sehen die unsägliche Einsamkeit und Langeweile des Menschen und dann werden Sie auf das treffen, das "Raum" genannt wird,


Liebe
Der Liebe zu begegnen, ohne sie zu suchen, ist der einzige Weg, sie zu finden; man muss ihr unbeabsichtig begegnen und nicht durch Anstrengung oder Erfahrung. Sie werden entdecken, dass eine solche Liebe zeitlos ist. Solche Liebe ist sowohl persönlich, als auch unpersönlich, sie gehört dem einen wie den vielen. Sie hat kein Gestern und kein Morgen. Sie ist jenseits der gedanklichen Unruhe. Aber Sie wissen nicht, wie Sie zu dieser ungewöhnlichen Quelle gelangen können - was werden Sie also tun? Wenn Sie nicht wissen, was Sie tun sollen, dann tun Sie doch wohl nichts. Absolut nichts! Dann sind Sie innerlich vollkommen still. Verstehen Sie, was das bedeutet? Das bedeutet, dass Sie nicht suchen, nicht wünschen, kein Ziel verfolgen; es gibt überhaupt kein Zentrum mehr. Dann ist Liebe da. Wenn Sie auf ein Gesicht Ihnen gegenüber schauen, tun Sie es von einem
Zentrum aus und dieses Zentrum erzeugt die Distanz zwischen Mensch und Mensch. Darum ist unser Leben so leer, darum sind wir so gleichgültig. Sie können Liebe und Schöhnheit nicht entwickeln, Sie können auch die Wahrheit nicht einladen; aber wenn Sie jederzeit Gewahrsein verfeinern und in diesem Gewahrsein fangen Sie an, einzusehen, was es mit der Freude, dem Verlangen und dem Leid auf sich hat. Solange es einen Abstand zwischen Ihnen und dem Objekt, das Sie betrachten, besteht, werden Sie erleben, dass keine wahre Liebe möglich ist. Es gibt keinen Führer, es keinen Lehrer, es gibt niemanden, der Ihnen sagt, was zu tun ist. Es gibt nur Sie - Ihre Beziehung zu anderen und zur Welt in der Gegenwart - nichts sonst ist da. Wenn Sie sagen, Sie wollen sich allmählich kennenlernen, nach und nach immer mehr hinzufügen, dann erforschen Sie nicht jetzt, so wie Sie sind, sondern durch erworbenes Wissen. Sie sind aber nicht einfühlsam, wenn Sie eine Vorstellung haben, die der Vergangenheit angehört und die die Gegenwart beherrscht.  Wenn Sie es getan haben, werden Sie anfangen, einzusehen, dass Sie nicht einen statischen Zustand darstellen, sondern ein frisches lebendiges Wesen sind und um mit etwas Lebendigem zu leben, muss auch Ihr Geist lebendig und wach sein; er kann es nicht, wenn er durch Meinungen, Urteile und Wertsetzungen gefesselt ist.


Achtsamkeit
Gibt es überhaupt so etwas wie das Unterbewusste? Mir scheint, dass das Unterbewusstsein ebenso trivial und stumpfsinnig ist wie der bewusste Geist - ebenso eng, blindäugig, voreingenommen, wenn nicht sogar ängstlicher und minderwertig. Ist es nun möglich, den gesamten Bewusstseinsbereich umfassend wahrzunehmen und nicht nur einen Teil? Wenn Sie fähig sind, das Ganze wahrzunehmen, dann leben Sie zu jeder Zeit mit voller Aufmerksamkeit. Es ist wichtig, das zu verstehen, denn dann gibt es keine Spannungen mehr. Sie können sich als Ganzes nur sehen, wenn Ihr Geist nicht zerspalten ist. Wenn Sie mit vollkommener Selbsthingabe beteiligt sind, dann ist kein Raum mehr für Furcht vorhanden, kein Raum für Widerspruch, dann ist kein Konflikt mehr möglich -  Sie schauen mit ihrem ganzen Sein, mit allem, was an Ihnen ist.
Achtsamkeit ist nicht das Gleiche wie Konzentration. Konzentration ist Ausschließung. Achtsamkeit ist umfassendes Gewahrsein und schließt nichts aus. Was die Tür öffnen wird, ist die Bewusstheit und Achtsamkeit - bewusst zu sein, wie wir sprechen, was wir sagen, wie wir gehen, was wir denken, was wir sehen. Es ist so, als ob wir einen Raum säubern und ihn in Ordnung halten. Nicht ihr Wunsch oder Ihr Wille können die Tür öffnen, Sie können unmöglich das die Wahrheit einladen. Alles, was Sie tun können, ist, den Raum sauber zu halten, das heißt, einfach tugendhaft zu sein, ohne zu fragen, was es einbringen wird. Dann vielleicht, wenn Sie Glück haben, wird sich das Fenster öffnen und der sanfte Wind wird hereinströmen. Oder es mag auch nicht geschehen! Und in diesem wertungsfreien Gewahrsein mag sich vielleicht die Tür öffnen und Sie werden um diese Dimension wissen, in der es keinen Konflikt und keine Zeit gibt.

Furcht
In diesem Augenblick, da ich hier sitze, fürchte ich mich nicht. Ich habe momentan keine Angst, mir geschieht nichts, niemand bedroht mich oder nimmt mir etwas weg. Aber wenn ich darüber nachdenke, was aus der Vergangenheit über mich herfallen mag oder in der Zukunft geschehen könnte, dann geschieht es. Das Denken mischt sich ein und sagt: "Sei vorsichtig, dass es nicht wieder passiert", oder "Sei auf die Furcht vorbereitet, du besitzt jetzt etwas, aber du kannst es verlieren. Du kannst morgen sterben, deine Frau läuft dir vielleicht davon, du kannst deine Arbeit verlieren."
So sehen wir, dass der Gedanke eine Art von Furcht hervorruft. Aber gibt es davon abgesehen überhaupt Furcht? Ist Furcht das Resultat des Denkens? Wenn es so ist, dann ist Furcht etwas, was dem Vergangenem angehört, weil der Gedanke immer alt ist.
Betrachten Sie die Furcht zum ersten Mal ohne Einmischung der Vergangenheit. Sie können nur beobachten, wenn der Geist sehr ruhig ist, wie Sie auch einem anderen Menschen nur zuhören können, Sie können eine Wolke oder einen Baum mit ruhigen Gemüt betrachten, weil diese Dinge für Sie nicht sehr wichtig sind; aber sich selbst anzuschauen ist weit schwieriger. Wenn Sie nun mit der Furcht oder der Verzweiflung, mit der Vereinsamung oder Eifersucht in unmittelbarem Kontakt stehen, können Sie darauf so vollkommen schauen, dass der Geist ruhig genug ist, diese Regungen wahrzunehmen? Nun fragen Sie sich.
Wer ist denn dieses Wesen, das mit der Furcht lebt? Wer ist es, der die Furcht beobachtet, der über die Regungen der verschiedenartigen Ängste wacht und der zugleich der Furcht bewusst ist? Ist der Beobachter ein totes Wesen, das eine Menge Wissen und Informationen über sich angesammelt hat? Ist der Beobachter die Vergangenheit oder etwas Gegenwärtiges?
Wenn Sie achtgeben, wird Ihnen klar, dass der Beobachter nur ein Bündel von Gedanken und Erinnerungen ist ohne jede Gültigkeit, dass aber die Furcht etwas Tatsächliches ist und dass Sie versuchen eine Tatsache rein vom Verstand her zu begreifen. Ist der Beobachter von der beobachteten Sache, der Furcht, im Geringsten verschieden? Der Raum zwischen dem Beobachter und der Furcht existiert nicht, denn Sie selbst sind es tatsächlich. Wenn das erkannt wird, gibt es keine Energieverschwendung mehr durch das Bestreben sich von der Furcht zu befreien und damit verschwindet Zeit und Raum zwischen Beobachter und Furcht. Wenn Sie sehen, dass Sie ein Teil der Furcht und nicht getrennt von ihr sind, dann brauchen Sie dazu nichts zu tun, dann hört die Furcht gänzlich auf, denn Sie sind die Furcht.

"Einbruch in die Freiheit - Jiddu Krishnamurti"



Wenn man seine Spontanität und seine Individualität aufgibt, so führt das zu einer Vereitelung des Lebens. Auch wenn ein solcher Konformist biologisch noch weiterlebt, ist er doch emotional und seelisch tot. Er bewegt sich weiter, aber das Leben rinnt ihm durch die Finger wie Sand. Er klammert sich an seine vermeintliche Individualität, er möchte anders sein und er kennt kein größeres Lob, als von etwas zu sagen, er sei anders. Handtaschen, Spielkarten und Smartphones werden persönlich gemacht, indem man die Initialen des Besitzers darauf anrbingt. Es  sind fast die letzten Überreste von Individualität, die uns noch geblieben sind. Der heutige Mensch hungert nach Leben.

Freiheit kann psychologische Freiheit bedeuten, womit eine Art ursprünglicher Spontanität gemeint ist, die dem Menschen innewohnt. Nur die Begeisterten können frei sein, also nur die, welche -psychologisch gesprochen- nicht der Regression verfallen, sondern sich um Progression bemühen, um einen Fortschritt, der Unabhängigkeit und zugleich Liebe zu unseren Mitmenschen einschließt. Selbsterkenntnis besagte von jeher, seine Grenzen zu überschreiten und zur Reife zu gelangen - bedeutete also, der zu werden, der wir potenziell sind. Man muss seine Ressourcen ausschöpfen und alle seine emotionalen und intellektuellen Möglichkeiten tätig zum Ausdruck bringen.
Der Mensch ist ein Wesen, in dessen Natur wir einen Drang finden, in der Beziehung zu anderen er selbst zu sein. Wir sind nur fähig, den anderen zu erkennen, zu verstehen und zu lieben, wenn wir auch fähig sind, uns selbst zu verstehen, zu lieben und zu erkennen. Das bedarf echter Kommunikation, ohne abstrakten Individualismus, ohne Propaganda oder Zwecke, ohne Abhängigkeit oder Angst. Je transparenter das Selbst für mich wird, desto transparenter können meine Mitmenschen für mich werden.

Die positive Freiheit besteht im spontanen Tätigsein (activity) der gesamten, integrierten Persönlichkeit. Vorraussetzung für diese Spontanität ist, dass man die Persönlichkeit in ihrer Totalität annimmt und die Spaltung zwischen Vernunft und Natur beseitigt, denn wenn der Mensch nicht nur wesentliche Teile seines Selbst verdrängt, nur wenn er für sich selbst transparent wird und nur wenn er die verschiedenen Sphären seines Lebens grundsätzlich integriert hat, ist spontanes Tätigsein möglich.
Die meisten von uns erleben wenigstens Augenblicke eigener Spontanität, die wir gleichzeitig als Augenblicke echten Glücks empfinden.  - in solchen Augenblicken haben vielleicht eine Ahnung davon, was das menschliche Leben sein könnte, wenn solche Erfahrungen nicht so selten wären und so wenig gepflegt würden.
Die Geburt der Individualität und der Schmerz des Alleinseins, die der Freiheit innewohnt, wird auf höherer Ebene durch das spontane Tätigsein aufgelöst. Bei jedem spontanen Tätigsein nimmt der Mensch die Welt in sich auf. Dabei bleibt nicht nur sein individuelles Selbst intakt, es wird stärker und gefestigter. Denn das Selbst ist stark genau in dem Maße, wie es aktiv-tätig ist.
Wenn der Mensch durch spontanes Tätigsein sein Selbst verwirklicht und auf diese Weise zur Welt in Beziehung tritt, hört er auf ein, ein isoliertes Atom zu sein, er und die Welt werden Teil eines Strukturierten Ganzen, er hat seinen ihm zukommenden Platz in der Welt, womit auch seine Zweifel an sich selbst und am Sinn seines Lebens verschwinden.
Freude ist das Ergebnis eines intensiven Lebens ist.

Wenn ich mich mit jemanden unterhalte, wenn ich etwas lese - dann gibt es für mich nichts Wichtigeres als das, was ich hier und jetzt tue. Die meisten Menschen leben in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Vergangenheit oder Zukunft gibt es aber gar nicht als reale Erfahrungen. Es gibt nur das Hier und jetztWir schmieden Pläne und treffen Vorkehrungen und sind doch Zufällen unterworfen, die von unserem Willen und unserem Planen völlig unabhängig sind. Diese Konflikte gilt es, bewusst zu erkennen, sie tief zu erleben und sie nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Gefühl zu akzeptieren. Alles kann immer passieren, es ist wichtig das zu verstehen. Einzig das Selbst, unsere Seele kann uns Sicherheit verschaffen.

 "Authentisch Leben" - Erich Fromm
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Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe und dann verliere, was ich habe? Nichts als ein besiegter, gebrochener, erbarmenswerter Mensch, Zeugnis einer falschen Lebensweise. Weil ich verlieren kann, was ich habe, mache ich mir natürlich ständig Sorgen, dass ich verlieren werde, was ich habe. Ich fürchte mich vor Dieben, vor Krankheit, vor dem Tod und ich habe Angst zu lieben, Angst vor Freiheit, vor dem Wachsen, vor der Veränderung, vor dem Unbekannten. So lebe ich in ständiger Sorge und leide an chronischer Hypochondrie, nicht nur in Bezug auf Krankheiten, sondern hinsichtlich jeglichen Verlusts, der mich treffen könnte; ich werde defensiv, hart, mißtrauisch, einsam von dem Bedürfnis getrieben, mehr zu haben. "Haben oder Sein" - Erich Fromm 




Es waren diese Tage, in denen er vieles begriff. Er würde nie ein erfülltes Leben führen können, wenn er nicht versuchte, es einer Sache zu widmen, die größer war als er. Es mochte etwas sein, was er jetzt noch nicht kannte und nicht verstand - sein Leben sollte nicht beschränkt sein auf Inhalte, die den Menschen in Ketten legte und es sollte nie bestimmt werden von Angst, diesem Monster. Freiheit indes, er fühlte es so stark wie nie, war das höchste Gut. Physische, geistige, seelische Freiheit.- Kostbarer als Gesundheit. Wertvoller als Glück. Wichtiger als das Leben selbst. "Das größere Wunder" - Thomas Glavinic



Siddhartha fuhr fort: "Ein Gedanke, es mag so sein. Ich muß dir gestehen, Lieber: ich unterscheide zwischen Gedanken und Worten nicht sehr. Offen gesagt, halte ich auch von Gedanken nicht viel. Ich
halte von Dingen mehr. Hier auf diesem Fährboot zum Beispiel war ein Mann mein Vorgänger und Lehrer, ein heiliger Mann, der hat manche Jahre lang einfach an den Fluß geglaubt, sonst an nichts. Er hatte gemerkt, daß des Flusses Stimme zu ihm sprach, von ihr lernte er, sie erzog und lehrte ihn, der Fluß schien ihm ein Gott, viele Jahre lang wußte er nicht, daß jeder Wind, jede Wolke, jeder Vogel, jeder Käfer genau so göttlich ist und ebensoviel weiß und lehren kann wie der verehrte Fluß. Als dieser Heilige aber in die Wälder ging, da wußte er alles, wußte mehr als du und ich, ohne Lehrer, ohne Bücher, nur weil er an den Fluß geglaubt hatte." 
„Govinda sagte: „Aber ist das, was du ‚Dinge’ nennst, denn etwas Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht Trug der Maja, nur Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Fluss – sind sie denn Wirklichkeiten?“ „Auch dies“, sprach Siddharta, „bekümmert mich nicht sehr. Mögen die Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin als dann ja Schein, und so sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie lieben. Und dies ist nun eine Lehre, über welche du lachen wirst: die Liebe, o Govinda, scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können.""Siddartha" - Hermann Hesse 




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