15.10.2015

Selbsterfüllende Prophezeiungen


Ihr Horoskop in der heutigen Zeitung warnt Sie vor der Möglichkeit eines Unfalls. Tatsächlich passiert etwas. Also hat es mit der Astrologie doch seine Bewandtnis. Oder? Sind Sie sicher, dass Sie den Unfall auch dann gehabt hätten, wenn Sie das Horoskop nicht gelesen hätten? 

Selbsterfüllende Prophezeiungen haben einen geradezu magischen wirklichkeitsschaffenden Effekt und sind daher für unser Thema sehr wichtig. Und sie haben ihren Stammplatz nicht nur im Repertoire jedes Unglücklichkeitsaspiranten, sondern auch im größeren gesellschaftlichen Rahmen.
Wird zum Beispiel einer Minderheit der Zugang zu bestimmten Erwerbsquellen deswegen verwehrt, weil diese Menschen nach Ansicht der Mehrheit faul, geldgierig und vor allem volksfremd sind, so werden sie dazu gezwungen, sich als Trödler, Schmuggler, Pfandleiher und dergleichen zu betätigen, was die abschätzige Meinung der Mehrheit "klar" bestätigt. Je mehr Stopzeichen die Polizei aufstellt, desto mehr Fahrer werden zu Verkehrssündern, was die Aufstellung weiterer Stopzeichen "notwendig" macht. Je mehr eine Nation sich vom Nachbarn bedroht fühlt, desto mehr wird die Nachbarnation ihre eigene Aufrüstung für das Gebot der Stunde halten. Der Ausbruch eines Krieges ist dann nur noch eine Frage der Zeit.
Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung. Vorraussetzung ist nur, dass man sich selbst etwas prophezeit oder prophezeien lässt, und dass man es für eine unabhängig von einem selbst bestehende oder unmittelbar bevorstehende Tatsache hält. Auf diese Weise kommt man genau dort an, wo man nicht ankommen wollte.

Anleitung zum Unglücklichsein - Paul Watzlawick

Mütterliche Liebe


Das gelobte Land wird beschrieben als ein Land in dem Milch und Honig fließen. Die Milch ist das Symbol des ersten Aspekts der Liebe, dem der Fürsorge und Bestätigung. Der Honig, symbolisiert die Süßigkeit des Lebens, die Liebe zum Leben und das Glück zu leben. Die meisten Menschen sind fähig, "Milch" zu geben, aber nur eine Minderzahl unter ihnen kann auch "Honig" spenden. Um Honig spenden zu können, muss die Mutter nicht nur eine "Gute Mutter" sein, sie muss auch ein glücklicher Mensch sein - ein Ziel, das nur wenige erreichen. Die Wirkung auf das Kind kann man kaum zu hoch einschätzen. Die Liebe der Mutter zum Leben ist ebenso ansteckend wie ihre Angst. Tatsächlich kann man bei Kindern und bei Erwachsenen jene, welche nur "Milch" bekommen haben, deutlich von denen unterscheiden, die "Milch und Honig" erhielten.

Die Kunst des Liebens - Erich Fromm

04.09.2015

Der Tod im Meer

Ich schau in Dich,
in deinem Gesicht find ich mich
als Mensch,
nun bist Du tot,
vergraben in den Untergrund des Meeres.

Ich bin am Leben, trauere,
klage über Deinen Tod
als Mensch
Du wolltest wie ich leben, in Freiheit.

Die Hoffnung,
eine Zukunft für Deine Kinder zu bauen,
hat Dich mit den Wellen getrieben,
als Leiche nach Europa.

Hıdır Eren Çelik

29.08.2015

Abtreibung

Der Professor, ein sehr gescheiter Herr,
sagte den Studenten, er bitte sie sehr,
ihm nun ihr Vertrauen zu schenken
und mitzuteilen, wie sie darüber denken:

Da sei ein Mann, syphiliskrank, ganz klar.
Das sagte er sachlich, ohne Kommentar.
Dazu eine Mutter, die an TBC leide,
allso schwer krank seien sie alle beide.

Krank seien die Kinder leider ebenso.
Der Tod eines Kindes mache auch nicht froh.
Die andern seien TBC-krank, taub und blind.
Schwanger sei die Frau mit dem fünften Kind.

Abzutreiben, seien die Eltern einverstanden.-
Nun, was meint Ihr, meine Probanden?
Die meisten waren sich ganz im Klaren,
daß man unbedingt so sollte verfahren.

Ja, der Abbruch muß unbedingt passieren!
Der Professor: "Da muß ich gratulieren!
Ermordet haben Sie Beethoven, das Genie!"
Und diesen Satz vergaßen sie nie.

Irmgard Adomeit

07.05.2015

Mannomann

Hör schon auf.
Machen Punkt.
Du bist doch fertig, Mann, und nur noch läufig.

Sag nochmal: Wird gemacht.
Drück nochmal Knöpfchen und lass sie tanzen die Puppen.
Zeig nochmal deinen Willen und seine Brüche.
Hau nochmal auf den Tisch, sag: Das ist meiner.
Zähl nochmal auf, wie oft du und wessen.
Sei nochmal hart, damit es sich einprägt.
Beweise dir noch einmal deine große, bewiesene,
deine allumfassende Fürundfürsorge.

Mannomann.
Da stehst du nun und im Anzug da.
Männer weinen nicht, Mann.
Deine Träume, die typisch männlich waren, sind alle gefilmt.
Deine Siege datiert und in Reihe gebracht.
Dein Fortschritt eingeholt und vermessen.
Deine Trauer und ihre Darsteller ermüden den Spielplan.
Zu oft variiert deine Witze; Sender Eriwan schweigt.
Leistungsstark (immer noch) hebt deine Macht sich auf.

Mannomann.
Sag nochmal ich.
Denk nochmal scharf.
Blick nochmal durch.
Hab nochmal recht.
Schweig nochmal tief.
Steh oder fall noch ein einziges Mal.

Du musst nicht aufräumen, Mann; lass alles liegen.
Du bist nach deinen Gesetzen verbraucht,
entlassen aus deiner Geschichte.
Und nur das Streichelkind in dir
Darf noch ein Weilchen mit Bauklötzen spielen. -
Was, Mannomann, wird deine Frau dazu sagen?

Günter Grass

20.04.2015

what will may

Lovely Mild

How come that we met
Far away, yet close to me

To leave you is like a threat
Every day, my sun is she

The brightest sunset
It will stay, your smile to see

I am in your debt
End of grey, traveling free

My journey is set
It will may, with you to be

Thanku

18.04.2015

Was mich zu dir so heftig zog

Was mich zu dir so heftig zog
War nicht der Augen Allgewalt,
Der Schimmer nicht des goldnen Haar's
Und nicht die schlanke Huldgestalt.

Was mich zu dir so mächtig zog,
War deiner Stimme trüber Klang,
Der mir wie Nachtigallensang
Ins Herz, ins lebensmüde, drang.

Die Blässe deiner Wangen war's
Und deine Träne, die verriet,
Dass deine Seele tiefgeheim
Ein namenloses Weh durchzieht.

Maximilian Bern

18.03.2015

Worship

Eine kurze Leidensgeschichte ist mir in Thailand wiederfahren, als ich über einige Wochen auf einer Insel blieb.
Ich weiß nicht was es war, vielleicht die unsägliche Anzahl an Backpackerinnen und Backpackern oder einfach ihre Gestalt, jedenfalls fiel mir sie mir schon an meinem ersten Tag in dieser Bar auf.
Zuerst dachte ich, sie stammt aus Thailand, denn sie hatte bräunliche Haut und war gerade mal 1.60 groß. Ein paar gefärbte Haarsträhnen und stets goldene Fingernägel, manchmal Hotpants machmal hatte sie auch ihre Haare zurückgebunden und dann sah man goldene Ohrringe, die wie Tropfen von ihrem Ohrläppchen herab hingen. Sie hatte stets zwei Lächeln parat, das typische Kellnerinnen lächeln, das Freundlichkeit und Eifer ausstrahlte und dann war da das andere.
Ihre erste Frage war, wie lange ich blieb, das beschäftigte sie anscheinend. Dann kam das Alter, sie lächelte aber das war das Falsche. Ihr Name war Mimi, wohl ein Spitzname.
Von da an beobachtete ich sie jeden Tag und träumte von ihr morgens und abends. Manchmal fragte ich mich, wie ich es anstellen sollte, dass aus uns mehr wurde, ob sie mit nach Deutschland kommen würde.
Ich lernte den Barbesitzer Johnny bei etlichen Freibier kennen. Er hat mir mein optionales Leben schon vorgelebt, ein Kind mit einer Thailänderin, geschieden und lebt nun hier für Kind und Bar. Als er viel Alkohol intus hat sagt er, nie mit einer Frau am gleichen Arbeitsplatz runmachen. Sie wird dominant und will das Ruder. Er blickt auf Mimi und sagt, No, we had this already.
Dann nach einigen Tagen, wischte sie den Tisch vor mir ab und ich sagte Thank you. Da sah ich ihr natürliches Lächeln. Sie sagte sie müsse für zwei Tage ins Krankenhaus und ich fragte wieso aber sie konnte nur gebrochenes Englisch.
Während dieser Zeit versuchte ich der Bar aus dem Weg zu gehen. Ich redete kurz mit ihrer Schwester, die auch in der Bar arbeitete. Sie fragte mich ob ich sie mag und ich sagte natürlich. Sie war nicht überrascht.
Als Mimi wieder zurück war, schien sie erschöpft. Ich wartete, bis alle Gäste verschwunden waren. Wir redeten kurz und intensiv. Sie war eigentlich aus Burma, doch da es dort zu wenig Arbeit gab, schickten ihre Eltern sie hierher. Nicht ungewöhnlich für die Insel. Sie schämte sich Englisch zu sprechen. Immer sagt sie No good englisch. Immer sage ich you good englisch. Sie zeigt mir einen Amerikaner aus Facebook, von dem sie Englisch gelernt hat. 9 Months he stayed, sagen ihre Lippen. Sie will, dass ich länger bleibe, sagen ihre braunen Augen. Ich frage sie, ob sie hier bleiben will oder weg möchte. Sie will hier bleiben, vielleicht zurück nach Burma zu den Eltern. Ich lächle und sage Gute Nacht. Ein Tiefpunkt.
Was bilde ich mir schon ein sie aus ihrer festen Umgebung rausreißen zu wollen und auch das Englisch ist schwer mit ihr. Natürlich würde ich ihr alles zahlen, sie in Deutschland mit einer Heirat einbürgern und gelegentlich würden wir nach Burma kommen. Was man sich eben so einbildet.
Die nächsten Tage verringern sich unsere Blickkontakte. Ich frage noch nach Facebook und schreibe ihr, aber sie schreibt nicht zurück. Vielleicht ist sie da nicht oft, aber in der Bar ist sie jeden Tag. Ich beschäftige mich mit meiner Weiterreise und denke nur noch gelegentlich an das was hätte sein können. Vielleicht komme ich in einigen Jahren nochmal hier hin und sehe dann ihre Kinder hier in der Bar rumrennen. Dann werde ich froh sein, dass nichts passiert ist.
Mein Freund Tim sagt, in einer Bar geht es immer nur um die Kellnerin. Irgendwie hat er recht damit.

15.03.2015

Aus ihren Augen lacht die Freude

Aus ihren Augen lacht die Freude,
Auf ihren Lippen blüht die Lust,
Und unterm Amazonenkleide
Hebt Mut und Stolz und Drang die Brust;
Doch unter Locken, welche fliegen
Um ihrer Schultern Elfenbein,
Verrät ein Seitenblick beim Siegen
Den schönen Wunsch besiegt zu sein.



Jakob Michael Reinhold Lenz

22.02.2015

Gegenwart

Es gibt eine recht hübsche Geschichte von zwei Mönchen, die von Dorf zu Dorf wandern und dabei einem jungen Mädchen begegnen, das am Flussufer sitzt und weint. Einer der Mönche geht zu ihr und sagt: "Schwester, worüber weinst du?" Sie antwortet: "Sehen Sie das Haus dort drüben auf der anderen Seite des Flusses? Ich kam heute am frühen Morgen herrüber und hatte keine Mühe, den Fluss zu durchwaten; aber nun ist das Wasser angestiegen und ich kann nicht mehr zurück; es ist kein Boot da." - "Oh", sagt der Mönch, "das ist gar kein Problem.", und er hebt das Mädchen auf, trägt es über den Fluss und lässt es auf der anderen Seite zurück. Die beiden Mönche gehen zusammen weiter. 
Nach einigen Stunden sagt der andere Mönch: "Bruder, wir haben unser Gelübde abgelegt, niemals eine Frau zu berühren. Was du getan hast, ist eine furchtbare Sünde. War es nicht ein Vergnügen  für dich, ein aufregendes Ereignis, eine Frau zu berühren?" 
Der andere Mönch erwidert: "Bereits vor zwei Stunden habe ich sie hinter mir gelassen, du aber trägst sie immer noch mit dir herum."

08.01.2015

Keine Rast


Seele, banger Vogel du,
immer wieder mußt du fragen: 
Wann nach so viel wilden Tagen 
kommt der Friede, kommt die Ruh? 

Ob, ich weiß: kaum haben wir 
unterm Boden stille Tage, 
wird vor neuer Sehnsucht dir 
jeder liebe Tag zur Plage. 

Und du wirst, geborgen kaum, 
dich um neue Leiden mühen 
und voll Ungeduld den Raum 
als der jüngste Stern durchglühen.




Hermann Hesse
Hermann Karl Hesse war ein deutschsprachiger Schriftsteller, Dichter und Maler. Weltweite Bekanntheit erlangte er mit Prosawerken wie Siddhartha oder Der Steppenwolf und mit seinen Gedichten (z. B. Stufen). 1946 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur und 1954 der Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste verliehen.