24.11.2013

Wo ist sie?

Marie zog das dunkelgrüne Kleid an, und obwohl sie Schwiergkeiten mit dem Reißverschluß hatte, stand ich
nicht auf, ihr zu helfen: es war schön anzusehen, wie sie sich mit den Händen auf den Rücken griff, ihre weiße Haut, das dunkle Haar und das dunkelgrüne Kleid; ich war auch froh zu sehen, daß sie nicht nervös wurde; sie kam schließlich ans Bett und ich richtete mich auf und zog den Reißverschluß zu. Ich fragte sie, warum sie denn so schrecklich früh aufstehe, und sie sagte, ihr Vater schliefe erst gegen morgen richtig und würde bis neun im Bett bleiben und sie müsse die Zeitungen unten reinnehmen und den Laden aufmachen, denn manchmal kämen die Schulkinder schon vor der Messe, um Hefte zu kaufen, Bleistifte, Bonbons und: "Außerdem", sagte sie, "Ist es besser, wenn du um halb acht aus dem Haus bist. Ich mache jetzt Kaffee und in fünf Minuten kommst du leise in die Küche runter. Ich kam mir fast verheiratet vor, als ich in die Küche runterkam, Marie mir Kaffee einschenkte und mir ein Brötchen zurechtmachte.[...] 
Es fiel mir schwer, von ihr wegzugehen, sie brachte mich bis zur Ladentür und ich küsste sie in der offenen Tür, daß Schmitz und seine Frau drüben es sehen konnten. Sie glotzten herüber wie Fische, die plötzlich überrascht entdecken, daß sie den Angelhaken schon lange verschluckt haben.[...]
Als ihr Vater hereinkam, hatte ich mich gerade gesetzt, ich stand sofort auf. Er war so verlegen wie ich, auch so schüchtern, er sah nicht böse aus, nur sehr ernst und als er die Hand zur Kaffeekanne austreckte, zuckte ich zusammen, nicht viel, aber merklich. Er schüttelte den Kopf, goß sich ein, hielt mit die Kanne hin, ich sagte danke, er sah mich immer noch nicht an. In der Nacht oben in Maries Bett, als ich über alles nachdachte, hatte ich mich sehr sicher gefühlt. Wie er nun aber da stand, über den Tisch gebeugt, mit der großen Glatze und dem grauen Haarkranz, kam er mir sehr alt vor. Ich sagte leise: "Herr Derkum, Sie haben ein Recht", aber er schlug mit der Hand auf den Tisch, sah mich endlich an, über seine Brille hinweg und sagte: "Verflucht, mußte das sein - und gleich so, daß die ganze Nachbarschaft dran teilhat? Ich war froh, daß er nicht enttäuscht war und von Ehre anfing. "Mußte das wirklich sein - du weißt doch, wie wir uns krummgelegt haben und jetzt", er schloß die Hand, öffnete sie, als wenn er einen Vogel freiließe, "nichts" - "Wo ist Marie?" fragte ich. "Weg", sagte er, "nach Köln gefahren." - "Wo ist sie?" rief ich, "wo?" - "Nur die Ruhe", sagte er, "das wirst du schon erfahren. Ich nehme an, daß du jetzt von Liebe, Heirat und so weiter anfangen willst - spar dir das - los, geh. Ich bin gespannt, was aus dir wird. Geh." Ich hatte Angst, an ihm vorbeizugehen. Ich sagte: "Und die Adresse?" - "Hier", sagte er und schob mir einen Zettel über den Tisch. "Sonst noch was", schrie er, "sonst noch was? Worauf wartest du noch?" - "Ich brauche Geld", sagte ich und ich war froh, daß er plötzlich lachte, es war ein merkwürdiges Lachen, hart und böse, wie ich es erst einmal von ihm gehört hatte, als wir über meinen Vater sprachen.
Er dachte ich wäre beleidigt, aber ich verstand ihn sehr gut. Ich sagte noch: "Schenken Sie mir noch eine Schachtel Zigaretten", und er griff sofort hinter sich ins Regal und gab mir zwei Schachteln. Er weinte. Ich beugte mich über die Theke und küßte ihn auf die Wange. Er ist der einzige Mann, den ich je geküßt habe.

"Ansichten eines Clowns" - Heinrich Böll

24.10.2013

das Trolley-Problem

Szenario 1:
Eduard ist der Fahrer einer Straßenbahn, deren Bremsen gerade versagt haben. Auf dem Gleis geradeaus vor ihm sind fünf Personen; die Böschung ist so steil, sodass sie keine Möglichkeit haben, rechtzeitig das Gleis zu verlassen. Das Gleis hat nach rechts eine Abzweigung und Eduard kann die Straßenbahn dorthin lenken. Unglücklicherweise befindet sich eine Person auf diesem rechten Gleis. Eduard kann die Straßenbahn umlenken und damit die eine Person töten; oder er kann es unterlassen, die Straßenbahn umzulenken und dadurch die fünf Personen töten...
Szenario 2:
Georg befindet sich auf einer Fußgängerbrücke. Er kennt sich mit Straßenbahnen aus und er kann sehen, dass die Straßenbahn, die sich der Brücke nähert außer Kontrolle geraten ist. Auf dem Gleis hinter der Brücke sind fünf Personen; die Böschung ist sehr steil und sie werden nicht die Möglichkeit haben, das Gleis rechtzeitig zu verlassen. Georg weiß, die einzige Möglichkeit, die außer Kontrolle geratene Straßenbahn zu stoppen, ist, ihr ein sehr schweres Gewicht in den Weg zu werfen. Aber das einzig verfügbare, ausreichend schwere Gewicht ist ein dicker Mann, der auch auf der Fußgängerbrücke die Straßenbahn beobachtet. Georg kann den dicken Mann auf das Gleis der Straßenbahn stoßen und ihn dadurch töten; oder er kann es unterlassen, die Straßenbahn aufzuhalten und dadurch fünf Personen sterben lassen.

von Philippa Foot und Judith Jarvis Thomson - das Trolley-Problem
"Philosophische Gedankenexperimente" 

14.10.2013

Es waren diese Tage


In welchen Zug er sich setzen sollte, wusste er nicht. Er wollte bloß allein sein, doch er wollte nicht bloß allein sein. Er wollte nichts tun, zugleich sehnte er sich danach, etwas Großes zu tun. Am liebsten hätte er sich zweigeteilt und als der eine Jonas zugesehen, wie der andere als leuchtender Stern am Himmel explodierte. Als er am Schalter die Fahrkarte kaufte, merkte er, wie dasselbe Gefühl in ihm aufstieg, das er damals im Garten empfunden hatte, die Flasche mit dem Olivenöl in der Hand. Er suchte sich ein freies Abteil und war sich bewusst, dass das, was er zu tun im Begriff war, wenig Sinn hatte und gerade dadurch Freiheit bedeutete. Auch wenn er nicht verstand, wie das eine mit dem anderen genau zusammenhing. In Kiel bat er einen alten Taxifahrer, ihn zur billigsten Herberge der Stadt zu bringen. Der Rezeptionist schwitzte stark, roch nach Alkohol, hatte schmutzige Fingernägel und fettige Haut. Das Zimmer war weniger schäbig als erwartet, zumindest war es nicht schmutzig. Dafür entdeckte er an der Nachttischlampe ein kaputtes Kabel mit einem blanken Draht. Die Einrichtiung war dunkel und trist. Jonas öffnete das kleine Fenster und legte sich aufs Bett.

Hier war er nun.
Überall könnte er sein. Er hatte genug Geld in der Tasche, er könnte in einem Nobelhotel in den Schweizer Alpen sitzen und den großen Mann spielen, er könnte mit seinem gefälschten Ausweis in einer New Yorker Bar versuchen, einen Drink zu bekommen, er könnte in London spazieren gehen, er könnte bei seiner schönen Freundin Vera sein und sich das Surfen beibringen lassen, ja vielleicht sollte er das sogar, er könnte auch einfach zu Hause sein, wo alles behaglich und vertraut war, doch er lag hier, auf einem Bett, auf dem weiß Gott wer alles gelegen war, in einem Zimmer, das wirkte, als kämen hierher Menschen zum sterben und vielleicht waren hier tatsächlich Menschen gestorben, er musste den Rezeptionisten fragen, er lag in einem Bett, in einer Stadt, die er nicht kannte und die ihn nicht interessierte, er befand sich in einer Situation, die ihn maßlos fesselte.

Ab und zu überkam ihn die Vorstellung einer Riesenwelle, die fern auf ihn zurollte. Doch er genoss das Gefühl, das dieses Bild in ihm auslöste, so wie er jeden Schritt, jede Sekunde des leeren Nichttuns in der Stadt genoss. Er hatte das Gefühl, nahe am Kern seines Wesens zu sein, an dem, was ihn im Innersten ausmachte, ohne freilich auch nur das Geringste davon zu verstehen. Zugleich sagte er sich, dass es Dinge gab, die sich jedem Verständnis entzogen.
Die nächsten drei Tage glichen den ersten. Die meiste Zeit zwang sich Jonas, das Zimmer nicht zu verlassen und genoss die absurde Befriedigung, die er aus dem Bewusstsein zog, eigene Befehle zu befolgen. Dann und wann verließ er das Haus, um sich die Stadt anzusehen und am Hafen zu sitzen. Er fuhr zu der Schule, in die Vera gegangen war, und besuchte andere Plätze, von denen sie ihm erzählt hatte. Überall machte er Fotos mit dem Fotoapparat, den er sich während eines Zwischenhalts gekauft hatte.
Liebe ist: den leuchtenden Punkt der Seele des anderen zu erkennen und anzunehmen und in die Arme zu schließe, vielleicht gar über sich selbst hinaus.
-
Es waren diese Tage, in denen er vieles begriff. Er würde nie ein erfülltes Leben führen können, wenn er nicht versuchte, es einer Sache zu widmen, die größer war als er. Es mochte etwas sein, was er jetzt noch nicht kannte und nicht verstand - sein Leben sollte nicht beschränkt sein auf Inhalte, die den Menschen in Ketten legte und es sollte nie bestimmt werden von Angst, diesem Monster. Freiheit indes, er fühlte es so stark wie nie, war das höchste Gut. Physische, geistige, seelische Freiheit.- Kostbarer als Gesundheit. Wertvoller als Glück. Wichtiger als das Leben selbst.

"Das größere Wunder" - Thomas Glavinic

07.10.2013

kapitalistischer Zombie

Interview mit Michael Hardt, lehrender Philosoph und bekennender Marxist an der Duke University USA

Sie schreiben, dass der Geist der Revolte wie eine Fackel von Tunesien nach Ägypten und von dort nach Europa und in die USA gereicht worden sei. In Tunesien und Ägypten regieren heute Islamisten und Militärs, Spanien und Griechenland haben weiterhin große wirtschaftliche Probleme, und der Zucotti Park in New York ist nur och ein leerer Platz nahe der Wall Street. Man könnte sagen: Überall, wo die Fackel brannte, blieb nur Asche zurück.
Gute Metapher, aber lassen Sie uns eine andere probieren: 1851 blicke Karl Marx auf ein halbes Jahrhundert revolutionärer Aufbrüche in Frankreich zurück. Er sah lauter vertane Chancen: Die  Revolution von 1789 endete mit Napoleon, so schlimm ist es heute nicht mal in Tunesien. 1830 scheiterte die Junirevolution, 1848 die Februarrevolution . Marx war nicht frustriert, sondern beschrieb den  revolutionären Prozess als einen Maulwurf. Alle paar Jahre steckt er seinen Kopf aus dem Boden. Doch wenn ihn nicht sieht, ist er nicht weg: Unter der Erde gräbt er sich vorwärts und taucht an immer neuen Stellen auf.
Dennoch: Trotz aller Empörung gibt es keine Mehrheit gegen den Kapitalismus. Warum ist er nicht totzukriegen?
Ich halte ihn eher für untot, wie ein Zombie: Der Kapitalismus ist intellektuell erledigt, aber er läuft noch durch die Gegend und richtet Schaden an. Wir wissen um seine Unzulänglichkeiten, sind aber unfähig, uns etwas Besseres vorzustellen. Fredric Jameson schrieb, es falle uns heute leichter, uns das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende unseres Wirtschaftssystems. Da ist was dran.
Was ist eigentlich das Ziel für Sie, eine Welt ganz ohne Privateigentum? 
Nein, das wäre vielleicht ein Mittel, aber kein Ziel. Das Ziel einer revolutionären Veränderung ist eine Gesellschaft, die uns allen besser ermöglicht, unsere Potenziale zu entfalten. Für viele Menschen besteht heute keine Möglichkeit, zu tun, wozu sie in der Lage wären. Seiner Fähigkeiten beraubt zu sein ist brutal und betrifft oft junge Leute, für die es keine Arbeit und keine Mitbestimmung gibt.

Interview: Oskar Piegsa
Die Zeit: Campus, Ausgabe Nr 4 2013

17.09.2013

Sie sollen sein wie Che

      Fidel Castro und Ernesto "Che" Guevara in der Gefängniszelle 
      in Mexiko; vermutlich das erste Photo, auf dem beide 
      gemeinsam abgebildet sind.
"Es war eine Art ideale Vision des sozialistischen Menschen, dem materielles Gewinndenken völlig fremd geworden war, der für die Gesellschaft und nicht für Gewinn arbeitete. Die Erfolge der sowjetischen Industrie betrachtete er sehr kritisch, denn dort, so sagte er, arbeitet jeder und bemüht sich, seine Norm überzuerfüllen, aber nur um mehr Geld zu verdienen. Er fand, der sowjetische Mensch sei kein neuer Mensch, denn er unterscheide sich im Grunde nicht von den Yankees. Er weigerte sich, bewußt an der Schaffung einer zweiten amerikanischen Gesellschaft in Kuba mitzuwirken.", schreibt Dumont. Er hatte den Eindruck, Che wollte beim
sozialistischen Umbau der kubanischen Gesellschaft "Stufen überspringen", so wie es Mao in China 1956 mit den Zwangskollektivierungen bei seinem "Großem Sprung nach vorn" versucht hatte. "Kurz gesagt, Che war seiner Zeit weit voraus - in Gedanken hatte er bereits das Stadium des Kommunismus erreicht."

Am Morgen des 3. Juli eilte Che nach Altos de Merino, um einen Angriff der Regierungstruppen abzuwehren. "Als ich eintraf, war die Vorhut bereits im Anmarsch. Es kam zu einem kleinen Gefecht, und sie kreisten uns ein, doch wir leisteten kaum Widerstand. Mich überkam ein mir völlig neues Gefühl: Ich wollte überleben. Das muß ich bei der nächsten Gelegenheit korrigieren."
Es gibt sicher nicht viele Menschen, die in einer solchen Situation zu einer derart selbstkritischen Haltung fähig sind. Doch dies war die Lebenshaltung Ernesto Guevara in seiner neuen Identität als Che. Und damit unterschied er sich deutlich von der überwiegenden Mehrheit seiner Kameraden, die auch im Kampf noch zu Überleben hofften.

Wie Sartre feststelle, waren die "Flitterwochen" der Revolution Ende 1960 vorüber, und nach den Maßstäben einer Revolution war seither eine lange Zeit verstrichen. Che war inzwischen kein junger Mann mehr; er war Vater von vier Kindern und als Minister auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn im revlotutionären Kuba. 
Ches Beziehung zu Aleida gab vielen ein Rätsel auf, denn einen größeren Gegensatz als zwischen den beiden hätte man sch kaum vorstellen können. Che war ein intelektueller, ein Wissenschaftler und fleißiger Leser. Aleida liebte Filme und gesellschaftliche Ereignisse. Er war ein Asket und versagte such nach dem Komfort, den fast alle Frauen der anderen commandantes genossen. - selbst im revolutionären Kuba. Zu Hause schloß Che sich stundenlang in seinem kargen kleinen Arbeitszimmer voller Bücher ein, las, schrieb und studierte. Der einzige Schmuck in der Dachkammer bestand aus einem Bronzerelief Lenins. Wenn er gefragt wurde, warum er keine Pause einlege, verwies er auf die Arbeit, die er zu bewältigen habe. Nie hatte er genügend Zeit für Aleida udn die Kinder. Meist rief die Pflicht und seine Reisen, auf denen ihn Aleida nie begleiten durfte, dauerten stets lange. Seine Arbeitswoche dauerte von Montag bis Samstag, die Nächte eingeschlossen, und am Sonntag vormittag nahm er an freiwilligen Arbeitseinsätzen teill. Nur der Sonntagnachmittag war der Familie vorbehalten. Dann lag er auf dem Boden des Wohnzimmers und spielte mit seinen Kindern und ihrem deutsche Schäferhund Muralla (Wand), der auch ins Büro mitnahm.

Am Abend des 18. Oktober sprach Fidel auf der Plaza de la Revolucion in Havanna vor fast einer Million Menschen. Mit vor Bewegung heiserer Stimme beschrieb Fidel seinen alten Genossen als Verkörperung der revolutionären Tugenden. "Wenn wir einen Menschen zeichnen wollen, der nicht in unsere Zeit gehört, sondern in die Zukunft, dann erkläre ich aus vollem Herzen, daß dieser Mensch Che ist, ein Mensch ohne Makel, ohne einen einzigen Makel in seinem Verhalten. Und wenn wir beschrieben wollen, wie wir uns unsere Kinder wünschen, dann rufen wir, die leidenschaftlichen Revolutionäre, voller Inbrunst: Sie sollen sein wie Che!"

"Che - Die Biographie" - John Lee Anderson

16.09.2013

vor Bolivien

Liebe viejos,
wieder einmal fühle ich unter meinen Fersen die Rippen Rosinantes. Ich kehre auf den Weg zurück, meinen Schild unter dem Arm... Im wesentlichen hat sich nichts geändert, außer daß ich viel bewußter bin, daß mein Marxismus tiefer verwurzelt und reiner ist. Ich glaube an den bewaffneten Kampf als einzige Lösung für die Völker, die um ihre Freiheit kämpfen, und ich bin konsequent in meinen Überzeugungen. Viele werden mich einen Abenteurer nennen und ich auch einer; nur von einem anderen Typ, einer von denen, die ihre Haut hinhalten, um ihre Wahrheit zu beweisen. Mag sein, daß dies mein letzter Brief ist. Nicht daß ich mir das wünsche, aber es erscheint als logische Konsequenz. Wenn es so ist, umarme ich Euch ein letztes Mal. 
Ich habe Euch immer sehr geliebt, nur habe ich nicht gewußt, wie ich meine Liebe zeigen sollte. Ich bin äußerst kompromißlos in meinen Handlungen, und ich glaube, daß ihr mich manchmal nicht verstanden habt. Aber es war auch nicht leicht, mich zu verstehen... Nun wird der starke Wille, den ich mit dem Vergnügen eines Künstlers geschliffen habe, meine schwachen Beine und meine müden Lungen weitertragen. 
Ich werde es schaffen.
Denkt bisweilen an diesen kleinen condottiere des zwanzigsten Jahrhunderts... Eine große Umarmung von einem verlorenen, in Euren Augen so widerspenstigen Sohn.

Ernesto

Für Aleida hinterließ er ein Tonband, auf das er seine liebsten Liebesgedichte gesprochen hatte, darunter auch mehrere von Neruda. Und in einem Brief an seine fünf Kinder, der ihnen erst nach seinem Tod vorgelesen sollte, schrieb er:

Solltet ihr einmal diese Brief lesen müssen, dann deshalb, weil ich nicht mehr unter Euch bin. Ihr werdet Euch kaum noch an mich erinnern und die Kleinen werden sich gar nicht erinnern.
Euer Vater war ein Mann, der so handelte, wie er dachte und gewiß einer, der seinen Überzeugungen treu geblieben ist. Werdet gute Revolutionäre. Lernt viel, um die Technik zu beherrschen, die es erlaubt, Natur zu beherrschen. Denkt immer daran, daß die Revolution das ist, was zählt, und daß jeder von uns allein nichts wert ist.
Seid immer fähig, bis ins tiefste jede Ungerechtigkeit zu empfinden, die irgendwo auf der Welt irgend jemandem angetan wird. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs. Auf immer, Kinderchen. Ich hoffe noch Euch wiederzusehen. 
Einen dicken Kuß und eine Umarmung von Papa

Ernesto "Che" Guevara

10.08.2013

Unverandert

Sonnenaufgang.
Die Zeit in der ich zu schlafen pflegte, bevor ich dich kannte, legt schon am frühen morgen einen trüben Schimmer über meinen Tag. Wenn ich traurig bin, denke ich an dich, wie wenn man im Winter an die Sonne denkt und wenn ich fröhlich bin, denke ich an dich, wie wenn man in der prallen Sonne an Schatten denkt. Immernoch bleibt mein Blick aus dem Fenster stehen und stagniert auf einen Punkt. Dann sehe ich sie auf einer Bank liegen, ihren Kopf auf meinem Schoß, im Hintergrund ein großes Haifischbecken, wir die einzigen Besucher im Terrarium und eine unbändige Stille zwischen uns, als ich eine Haarsträhne aus deinem Gesicht fische.
Nach dieser Ruhe sehne ich mich. Oft redeten wir Zeiten nicht miteinander, die ich mehr als genoß. Wann kann man schon miteinander still sein. Manchmal bin ich verhältnismäßig ruhig, aber ich weiß, wenn sie nicht da ist, enthält auch diese Ruhe noch Gift, das stetig an meinem Herz nagt. 
Oft denke ich an dich, was würde sie dazu sagen, unterdrückt sie ein lächeln oder was sagt sie mienenlos. Dies will ich ihr zeigen und wenn ich das tue, soll sie da sein. Überhaupt sollst du überall dabei sein. Es ist nicht so, dass ich etwas kluges erwarte oder vielleicht wäre es gar nicht deine Sache, aber sie gehört dazu. Und wenn sie es nicht miterlebt, dann bleibt es halbherzig. In mir steckt eine unruhige Energie, die sich ausbreiten will zu Ideen, aber sie sehnen sich nach der Muse. Da wo du nicht bist, stehen nur Gedanken umher, wie diese. Schweigend harre ich aus und möchte durch Bitten nicht beunruhigen, denn meine Muse beglückt mich nur freiwillig.
Auch dieser Brief spricht nur das halbe, aber ich habe herausgefunden warum ich das tue. Oft mal ich dich in Gedanken aus, denn es ist so selten, dass eine Frau beides ist - eine Geliebte und eine Gefährtin. Die Geliebten können keinen Kaffee kochen und die Gefährten vernachlässigen dich, wenn sie zum ersten mal dein Bett beziehen und da bin ich sehr froh, dich gefunden zu haben, die beides ist: eine liebe Gefährtin am Tag und - das andere. Jedenfalls der Grund, dass ich schreibe, ist unser Leben zu erzählen, wie es hätte sein können.

Mit einem unendlich langen Kuss in die Beuge zwischen Ober- und Unterarm, wo es ganz weich und warm ist -
Talen

PS:  Ich würde noch heute meinen Anteil am Paradies für weitere sieben wolkenlose Monate mit dir hergeben

01.08.2013

Sie kommen näher, ohne dir in die Augen zu schauen


Wally Herbert schrieb 1968 Geschichte, als er eine nur mit Hundeschlitten ausgerüstete Expedition von Alaska zum Nordpol leitete: er ist der erste Mensch, der den Nordpol unbestritten zu Fuß erreicht hat. Per Fallschirmabwurf wurde er mit Lebensmitteln versorgt, fuhr dann weiter übers Eis bis Spitzbergen und hatte damit als Erster auf einer Strecke von 6115 Kilometern das arktische Packeis überquert. Im Verlauf von 40 Jahren reiste er 37000 Kilometer weit durch die Polargebiete, kartiere 119149 Quadratkilometer unbekannter arktischer Gebiete und lebte mit seiner Frau und seiner jungen Familie mehrere Jahre bei den Inuit auf Grönland. Ein Gebiet in der Antarktis und ein Berg der Arktis tragen seinen Namen.

Eisbären laufen normalerweise auf allen Vieren. Manchmal stellen sie sich auf die Hinterbeine, wenn sie noch ein Stück entfernt sind, um über die Grate aus verpresstem Eis hinüberzuschauen zu können. Sie sind zum Fürchten, aber sie sind auch sehr schön. Wenn sie ein Stück weit weg sind, dann sind es herrliche Tiere, aber wenn sie näher kommen, werden sie ungeheuer bedrohlich. Mit einem völlig furchtlosen Ausdruck auf ihren Gesichtern schlendern sie einfach auf dich zu. Fast beiläufig werfen sie hin und wieder einen Blick über die Schulter und man könnte meinen, sie seien gar nicht sonderlich interessiert. Aber sie laufen weiter in deine Richtung. Sie kommen näher, ohne dir in die Augen zu schauen; wie zufällig verringern sie dabei den Abstand...
Näher will ich einem Eisbären nicht kommen. Wir beschlossen, dass wir von da an alle Eisbären abschießen würden, die näher als sieben Meter herankämen; aber zuerst versuchten wir natürlich immer, sie in die Flucht zu schlafen. Wir versuchten es mit mehreren Methoden. Einmal gingen wir alle vier mit drei Gewehren auf einen Eisbären zu, machten eine Menge Lärm und schrien. Aber er kam weiter auf uns zu. Weil wir auch auf ihn zugingen, verringerte sich er Abstand natürlich nur umso schneller. Es war lächerlich. Wir hätten wirklich eine andere Richtung einschlagen sollen...

Irgendwie fanden wie es schade, einen Eisbären so liegen zu lassen, selbst wenn wir ihn in Notwehr geschossen hatten. Also zerteilten wir ihn pflichtschuldigst als Hundefutter. Es kostete uns etliche Stunden und war für uns vier sehr harte Arbeit. Die Hunde allerdings brachten von da an die vorbeilaufenden Eisbären mit dem Fleisch in Verbindung und gerieten außer Rand und Band, sobald ein Eisbär in Sicht kam. Sie wurden völlig verrückt und waren kaum noch zu bändigen.

Legendäre Expeditionen - Ferbus Flemming/Annabel Merullo

20.07.2013

franklins moral perfection

Benjamin Franklin skizzierte in seiner Autobiografie den berühmten Plan, mit dessen Hilfe er im Laufe von dreizehn Wochen "moralische Perfektion" zu erlangen gedachte. Jede Woche stand im Zeichen einer bestimmten Tugend - Mäßigung, Reinlichkeit, Fleiß und so weiter - und er notierte jeden Verstoß säuberlich in einem Kalender. Franklin war davon überzeugt, dass eine Tugend zur Gewohnheit würde, wenn er sie nur eine Woche durchhielte. Danach könnte er zur nächst
en Tugend übergehen, bis er sich schließlich komplett gewandelt hätte und fortan nur noch gelegentlicher moralischer Instandhaltung bedürfe.




1. Mäßigkeit - Iss nicht bis zum Stumpfsinn, trink nicht bis zur Berauschung.
2. Schweigen - Sprich nur, was anderen oder dir selbst nützen kann; vermeide unbedeutende Unterhaltung.
3. Ordnung - Lass jedes Ding seine Stelle und jeden Teil deines Geschäfts seine Zeit haben. 
4. Entschlossenheit - Nimm dir vor, durchzuführen, was du musst; vollführe unfehlbar, was du dir vornimmst. 
5. Sparsamkeit - Mache keine Ausgabe, als um anderen oder dir selbst Gutes zu tun; das heißt: vergeude nichts. 
6. Fleiß - Verliere keine Zeit; sei immer mit etwas Nützlichem beschäftigt; entsage aller unnützen Tätigkeit. 
7. Aufrichtigkeit - Bediene dich keiner schädlichen Täuschung; denke unschuldig und gerecht, und wenn du sprichst, so sprich danach. 
8. Gerechtigkeit - Schade niemandem, indem du ihm unrecht tust oder die Wohltaten unterlässt, die deine Pflichten sind. 
9. Mäßigung - Vermeide Extreme; hüte dich, Beleidigungen so übel aufzunehmen, wie sie es nach deinem Dafürhalten verdienen. 
10. Reinlichkeit - Dulde keine Unsauberkeit am Körper, an Kleidern oder in der Wohnung. 
11. Gemütsruhe - Beunruhige dich nicht über Kleinigkeiten oder über gewöhnliche oder unvermeidliche Unglücksfälle. 
12. Keuschheit - Übe geschlechtlichen Umgang selten, nur um der Gesundheit oder der Nachkommenschaft willen, niemals bis zur Stumpfheit, Schwäche oder zur Schädigung deines eigenen oder fremden Seelenfriedens oder guten Rufes. 
13. Demut - Ahme Jesus und Sokrates nach. 

10.07.2013

nicht notwendig, glücklich zu sein


Ein wunderbarer Zufall oder vielmehr ein Schicksal, es ist durch Sie vieles in mir entstanden, das ich nie gedacht hatte, und nichts, was ehemals in mir war, hat sich gehemmt und unterdrückt gefühlt; ich gäbe mein Leben darum, Sie zufriedener und glücklicher zu machen, ich weiß auch, dass ich nicht leicht je aufhören kann, in ihr Empfinden und Denken verwebt zu sein, ich fühle noch lebendiger, dass ich Ihnen noch viel sein kann, wenn Sie nur in sich den Glauben an mich erhalten und so bin ich, seit ich Sie kenne, unendlich reiner mit mir selbst abgeschlossener in allen Wünschen und Erinnerungen, oft weniger glücklich, aber doch mehr Eins mit mir und allem, was mich umgibt. Das weniger glücklich muss Sie nicht schmerzen, liebe Freundin. Es gibt leidenschaftliche Augenblicke, von denen Ruhe und Glück fern sind, die aber, wer das wahre Leben versteht, nie aus sich wegwünscht. Es ist nicht notwendig, glücklich zu sein, aber unerlässlich, seine eigentliche, tiefe Bestimmung zu erfüllen; auch der Seidenwurm mag nicht glücklich sein, wenn er sich einspinnt, aber es gibt ein Gefühl, das weit mehr als Glück ist, die Ruhe der Wehmut, und die geht allemal aus der Erfüllung der Bestimmung hervor. Die Bestimmung aber ist in jedem Menschen eine eigene, auch findet man sie nie, wenn man danach sucht; aber in Momenten der Rührung, im Zusammensein mit Gleichgestimmten oder der Einsamkeit mit sich selbst, geht sie hervor wie eine Flamme im Dunkel und wer nicht willkürlich die Augen verschließt, verkennt sie nie. Daran halten auch Sie sich, meine Liebe, wenn Sie sich verlassen fühlen. Eigentlich sind sie es nie.

Wilheilm von Humboldt an Johanna Mothberby, Berlin, den 7.März 1810
Liebesbriefe großer Männer - Sabine Anders und Katharina Maier

09.07.2013

Denn deine Liebe war allem gewachsen

Eben warst du noch, Vera, ich seh dich ein. Ist nicht die Erde noch warm von dir, und die Vögel lassen noch Raum für deine Stimme. Der Tau ist ein anderer, aber die Sterne, sind noch die Sterne deiner Nächte. Oder ist nicht die Welt überhaupt von dir? denn wie oft hast du sie in Brand gesteckt mit deiner Liebe und hast sie lodern sehen und aufbrennen und hast sie heimlich durch eine andere ersetzt, wenn alle schliefen. Du fühltest dich so recht im Einklang mit Gott, wenn du jeden Morgen eine neue Erde von ihm verlangtest, damit doch alle dran kämen, die er gemacht hatte. Es kam dir armsälig vor, sie zu schonen und auszubessern, du verbrauchtest sie und hieltest die Hände hin um immer noch Welt. Denn deine Liebe war allem gewachsen. 
Wie er dies denkt, der Einsame in seiner Nacht, denkt und einsieht, bemerkt er einen Teller mit Früchten auf der Fensterbank. Unwillkürlich greift er einen Apfel heraus und legt ihn vor sich auf den Tisch. Wie steht mein Leben herum um diese Frucht, denkt er. Um alles Fertige steigt das Ungetane und steigert sich.
In dieser lächerlichen Stimmung bemerkte ich sie. Sie stand allein vor einem strahlenden Fenster und betrachtete mich; nicht eigentlich mit den Augen, die ernst und nachdenklich waren, sondern geradezu mit dem Mund, der den offenbar bösen Ausdruck meines Gesichtes ironisch nachahmte. Ich fühlte sofort die ungeduldige Spannung in meinen Zügen und nahm ein gelassenes Gesicht an, worauf ihr Mund natürlich wurde und hochmütig. Dann nach kurzem Bedenken, lächelten wir einander gleichzeitig zu.
Sie erinnerte, wenn man will an ein gewisses Jugendbildnis der schönen Benedicte von Qualen, die in Baggesens Leben eine Rolle spielt. Man konnte die dunkle Stille ihrer Augen nicht sehen ohne die klare Dunkelheit ihrer Stimme zu vermuten. Übrigens war die Flechtung ihres Haars und der Halsausschnitt ihres hellen Kleides so kopenhagisch, daß ich entschlossen war, sie dänisch anzureden.

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge - Rainer Maria Rilke

03.07.2013

"Adieu, Beste, Liebste"


Nur drei Wochen nach seiner Rückkehr aus Italien lernte Goethe seine spätere Frau Christiane Vulpius kennen. Eigentlich suchte sie ihn auf, um ihn um Hilfe für ihren Bruder zu bitten, der keinen Erfolg mit seiner Schriftstellerei hatte. Ein dreivierteljahr blieb ihr Verhältnis geheim. Als Christiane schwanger wurde, holte Goethe sie als Haushälterin in sein Haus. Er heiratete sie erst Jahre später; 1816, Goethe überlebte sie um 16 Jahre. Auf ihrem Grab ließ er diese Inschrift anbringen:

Du versuchst, o Sonne, vergebens,
Durch die düsteren Wolken zu scheinen.
Der ganze Gewinn meines Lebens,
Ist ihren Verlust zu beweinen.

01.07.2013

die das Herz einer Frau zu treffen wissen

Sie wandte sich zu ihm hin. "Mein lieber Freund, für mich ist ein verliebter Mann aus der Zahl der Lebenden ausgestrichen. Er wird idiotisch, und nicht bloß idiotisch, sondern auch gefährlich. Mit Leuten, die wirklich in mich verliebt sind, gebe ich jeden Verkehr auf, denn sie langweilen mich und sind mir auch verdächtig, wie es ein rasender Hund ist, der vielleicht die Tollwut hat. Ich setze sie daher so lange in Quarantäne, bis ihre Krankheit vorrüber ist. Vergessen Sie das nicht. Ich weiß genau, daß bei Ihnen die Liebe nur eine Art von Hunger ist, während sie bei mir eine Art von... von seelischer Vereinigung sein müßte, die es aber leider bei den Menschen nicht gibt. Aber... sehen Sie mich einmal ruhig an..." Sie lächelte nicht mehr. Sie hatte ein ruhiges, kühles Gesicht und sagte, indem sie jedes Wort betonte: "Ich werde nie, nie ihre Geliebte sein, verstehen Sie mich? Es ist deshalb völlig zwecklos, es wäre sogar schädlich für Sie, wenn Sie bei ihrem Verlangen blieben... und jetzt, da... die Operation vollzogen ist, wollen Sie, daß wir Freunde sind, gute Freunde, aber auch wahre Freunde, ohne Hintergedanken?"
Er hatte begriffen, daß jeder Versuch unfruchtbar bleiben müßte vor dieser unerschütterlichen Entscheidung. Sofort faßte er offen seinen Entschluß und entzückt, hier vielleicht eine Freundschaft für seinen Beruf finden zu können, hielt er ihr beide Hände hin. "Ich bin der Ihrige, gnädige Frau, so wie Sie mich haben wollen."
Sie fühlte seine innerliche Aufrichtigkeit an der Stimme und gab ihm ihre Hände.
Er küßte eine nach der anderen und sagte dann aufrichtig, indem er den Kopf erhob: "Himmel, wenn ich eine Frau wie Sie gefunden hätte, mit welchem Glücksgefühl würde ich sie geheiratet haben."
Sie war diesmal gerührt.  Seine Worte liebkosten sie, wie alle Huldigungen, die das Herz einer Frau zu treffen wissen,  ihnen gefallen. Und sie warf ihm einen jener schnellen und dankbaren Blicke zu, durch die ein Mann immer erobert wird.
Dann, als er keinen Übergang fand, um die Unterhaltung wieder aufzunehmen, sagte sie mit weicher Stimme, indem sie einen Finger auf seinen Arm legte: "Ich werde sofort mein Amt als Freundin beginnen. Wissen Sie, mein Lieber, daß sie ungeschickt sind?"
Sie machte eine Pause und fragte: "Darf ich offen sprechen?"
"Ja."
"Ganz und gar?"
"Ja."
"Nun wohl! Besuchen Sie Frau Walter, die sie schätzt und suchen Sie ihr zu gefallen. Bei ihr können Sie auch Ihre Komplimente anbringen, obgleich sie anständig ist - verstehen Sie wohl? unbedingt anständig! Ich weiß, daß Sie auf der Zeitung eine untergeordnete Stellung einnehmen. Aber fürchten Sie nichts, man empfängt dort alle Redakteure mit dem gleichen Wohlwollen. Gehen Sie hin, glauben Sie mir."
Er sagte lächelnd: "ich danke Ihnen, Sie sind ein Engel, ein Schutzengel." Dann sprachen sie über andere Dinge.
Er blieb lange, er wollte ihr zeigen, daß es ihm Vergnügen mache, bei ihr zu sein und als er sie verließ, fragte er noch:" Also ist es abgemacht, wir sind Freunde?"
"Es ist abgemacht."
Und da er sich des Eindrucks, den er auf sie gemacht hatte, wohl bewußt war, fügte er noch hinzu:
"Wenn sie jemals Witwe werden, lasse ich mich vormerken."
Dann aber ging er schnell hinaus, damit sie nicht erst Zeit fand, zornig zu werden.

Belami - Guy de Maupassant

02.06.2013

Angst


Ich scheue mich mit dir zu sprechen,
Auch wenn dein Funke nun mehr glüht,
Den stillen Frieden will ich nicht brechen,
Will nicht wissen welcher Krieg mir blüht.

Dein Bild ist weiter meine Sonne,
Die mich täglich wärmt,
Und dein lichtes lächeln bannt den Schatten,
der sich durch dein wahres Fehlen nährt.

Gern würd ich mit dir schreiben,
Dich kleben an den Zucker einer Zeile,
Es in den Morgen treiben,
Bist du bis in meinem steifen Seile.

Doch ich weiß ich will zu viel,
Daher ist es schon ein stilles freuen,
Und sehe es als mein höchstes Ziel,
Zu lassen was länger hält als reuen.

Talen

20.05.2013

An das Liebste

Ob ich wohl lebte hundert Jahr',
so langt die Zeit doch nicht,
Zu sagen, was in meiner Brust
von Dir die Liebe spricht.

Ob ich wohl lebte tausend Jahr',
flieht doch die Zeit dahin,
Eh' Du es weißt, wie fest und wahr
und wie getreu ich bin!

Und lebt ich Millionen Jahr,
ich nennte nicht das Weh,
Das immerfort mein Herz zerreißt,
wenn ich Dich nicht mehr seh.

Doch jetzt noch bist Du nahe mir,
zu künden Dir dies Glück,
Brauch ich nicht eine kleine Zeit, -
nur einen einzigen Blick.

Karoline Leonhardt

06.05.2013

Eine Stadt im Krieg

Im Juli 2012 kam der Krieg nach Aleppo und die Stadt im Norden Syriens wurde zum Schlachtfeld. Von der Euphorie, die den Aufstand gegen das Regime von Präsident al-Assad anfangs kennzeichnete, ist nicht mehr viel zu spüren. Die Menschen versuchen, irgendwie zu überleben. Der Journalist Carsten Stormer hat Aleppo in den vergangenen Monaten mehrmals besucht.

Ibrahim stand im Flur, als die Rakete das Wohnzimmer traf, in dem seine Eltern vor dem Fernseher saßen. Die Explosion schleuderte ihn gegen die Wand, doch er blieb unverletzt. Er steht im fünften Stock des brennenden Hauses, Rauch quillt durch das Treppenhaus, Freunde und Nachbarn hetzen die Treppen hinauf und hinunter, in den Händen Eimer und Behälter gefüllt mit Wasser, in dem vergeblichen Versuch, die Flammen zu löschen. Nebenan im Wohnzimmer verbrennen Ibrahims Vater und Mutter, der Geruch von verbranntem Fleisch hängt in der Wohnung. Ein junger Mann übergibt sich im Treppenhaus. "War mein Vater ein Terrorist? War meine Mutter eine Terroristin?", ruft Ibrahim und beginnt zu weinen. "Baschar al-Assad hat meine Eltern getötet! Wofür? Wofür!" Dann lehnt er sich an die verrußte Wand, schlägt die Hände vors Gesicht und rutscht langsam in die Hocke. Freunde knien neben ihm, um zu trösten, nehmen ihn in den Arm, schwören Rache.
Nach einer Stunde ist das Feuer so weit unter Kontrolle, dass ein paar Männer über die Reste des Balkonsimses in das Wohnzimmer klettern können. Sie ziehen einen verkohlten Körper unter einem Tisch hervor, wickeln ihn in eine Plüschdecke und rufen: "Allahu Akbar, Allahu Akbar!" Gott ist groß. Rauch quillt aus dem kokelnden Leichnam unter der Decke hervor. Ibrahim soll die Körper identifizieren, aber sie sind so entstellt, dass er nicht sagen kann, wer Mutter, wer Vater ist. "Baba? Mama?", flüstert er fassungslos.
Für einen würdevollen Abschied von den Toten bleibt in diesem Krieg kaum Zeit. Die verbrannten Leichen von Ibrahims Eltern liegen keine zwei Stunden nach dem Angriff auf der Ladefläche eines weißen Kleinlasters, der hupend durch die Straßen Aleppos rast. Auf dem Märtyrer-Friedhof, am Stadtrand von Aleppo, bereiten Totengräber in Schichtarbeit die Gräber zukünftiger Toter vor.
Es muss schnell gehen, zu oft schon wurden Beerdigungen mit Granaten beschossen. In der Ferne fliegen Hubschrauber und Kampfflugzeuge über Aleppo, schwarze Rauchsäulen steigen in den Himmel, als man Ibrahims Eltern in einem Grab aus Baustoffziegeln ablegt. Ein Verwandter spricht ein kurzes Gebet. "Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass uns jemand zu Hilfe kommt. Amerika, Europa, die Türkei, die Arabische Liga, die sehen alle zu und tun nichts", sagt Ibrahim, als er sich von seinen Eltern verabschiedet hat. Dann fährt er zurück nach Aleppo, zu den Bomben und Scharfschützen. Eine Stadt wie er selbst: obdachlos und Vollwaise.

Eine Stadt im Krieg  - blog
Amnesty Journal April 2013 - zeitschrift


28.04.2013

Globalisierung


Trotz aller Gegenkräfte ist unter unseren Augen eine neue Welt entstanden. Ihre Konturen treten erst undeutlich hervor, auch weil es ein Wandel voller Widersprüche ist. Wir erleben den Rückgang der Armut und zugleich die anhaltende Unterernährung von Millionen Menschen; den Klimawandel und die Entwicklung der erneuerbaren Energien; neue Infektionskrankheiten und Fortschritte bei der Aids-Bekämpfung; weltweit Steueroasen und die rasante Entwicklung der Informationstechnologien; verschärfte staatliche Repression im Namen des "Kampfes gegen Terror" und erstarkende Freiheitsbewegungen.

Nichts spricht dafür, dass diese neue Welt, in der die Macht weniger konzentriert und breiter verteilt ist, friedlicher oder stabiler sein wird als die vergangene, zumal die Vereinten Nationen große Mühe haben, geeignete Instrumente der politischen Regulierung zu entwickeln. Und unter den aufstrebenden Schwellenländern ist bislang kein einziges auszumachen, das sich von der Diktatur der Märkte befreien wollte. Dennoch bedeutet das Erstarken von Völkern, die bislang keinen großen Einfluss auf die Geschichte nehmen konnten, für die globale Machtbeziehungen einen Schritt zu mehr Gleichberechtigung. 
Der Traum von einer besseren, gerechteren Welt hat die Jahrhunderte überdauert. Die Utopien von heute mögen mit den Hoffnungen von gestern nicht viel mehr geheim haben als das Streben nach einer besseren Zukunft, Doch dieses Streben hat sei jeher eine Vielzahl von Menschen beseelt, die für ihre Zukunftshoffnungen brennen.

Text von Alain Gresh aus Atlas der Globalisierung

23.04.2013

Toleranzkuchen


"Vielleicht werdet ihr ja der neue Friedrichhain", sagt Jonas und ich lache. Ich lache laut auf, als gäbe es keinen abwegigeren Gedanken und ein bisschen, als hinge mein Leben davon ab. Aber sie durchschauen mich. Ihre Designerblicke erkennen das schwitzige Glitzern auf meiner Stirn, den angsterfüllten Ausdruck in meinen Augen. Und ich habe Angst. Panische Angst! Um den Typen, der einem immer Gras andrehen will, während er in unseren Hausflur pinkelt; um meinen Hauswart, der nur grüßt, wenn er morgens besoffen aus dem "See-Tank" stolpert; um den Libanesen von gegenüber, bei dem ich mich nicht traue einzukaufen; meine Nachbarn, die jeden Klingelton als Maxi-Single haben und um "Fränkels Fleischimbiss" in der Müllerhalle, bei dem man zu jeder Bulette einen Stamm Colibakterien gratis dazubekommt. Ich habe Angst, dass die Kinder in meinem Hof nicht mehr mit Schnee, Scheiße und Müll nach einem werfen, sondern kleine Arierkinder mich im Vorübergehen um etwas Mehl und Zucker bitten, weil sie im neuen Kinderladen um die Ecke einen Toleranzkuchen backen möchten. Ich habe Angst, dass im Töpferladen in meiner Straße ein Zentrum für multikulturelle Verständigung aufmacht und Tante Elli ihre Kneipe in Ella umbenennt und nur noch ayurvedische Küche aus der südlichen Bretagne anbietet, dass im alten Möbelladen an der Ecke ein Deli aufmacht, ich im Kiosk gegenüber nur noch Neon, Spex und Bionade bekomme.

Hauptsache nichts mit Menschen - Paul Bokowski

16.04.2013

Die Kunst des Liebens

Der erste Schritt auf diesem Weg ist, sich klarzumachen, daß Lieben eine Kunst ist, genauso wie Leben eine Kunst ist; wenn wir lernen wollen zu lieben, müssen wir genauso vorgehen, wie wir das tun würden, wenn wir irgendeine andere Kunst, zum Beispiel Musik, Malerei, das Tischlerhandwerk oder die Kunst der Medizin oder der Technik lernen wollten.
Welches sind die notwendigen Schritte, um eine Kunst zu erlernen?

Man kann den Lernprozeß in zwei Teile aufteilen: Man muß einerseits die Theorie und andererseits die Praxis beherschen. Aber abgesehen von den Theorie und Praxis muß noch ein dritter Faktor gegeben sein, wenn wir Meister in einer Kunst werden wollen: Die Meisterschaft in dieser Kunst muß uns mehr als alles andere am Herzen liegen; nichts auf der Welt darf uns wichtiger sein als diese Kunst. Das gilt für Musik, wie für Medizin und die Tischlerei - und auch für die Liebe. Und hier haben wir vielelicht auch die Antwort auf unsere Frage, weshalb die Menschen unseres Kulturkreises diese Kunst nur so selten zu lernen versuchen, obwohl sie doch ganz offensichtlich daran scheitern: Trotz tiefen Sehnsucht nach Liebe halten wir doch fast alles andere für wichtiger als diese: Erfolg, Prestige, Geld und Macht. Unsere gesamte Energie verwenden wir darauf zu lernen, wie wir diese Ziele erreichen, und wir bemühen uns so gut wie überhaupt nicht darum, die Kunst des Liebens zu erlernen.

Liebe ist nicht in erster Linie eine Bindung an eine bestimmte Person. Sie ist eine Haltung, eine Charakterorientierung, welche die Bezogenheit eines Menschen zur Welt als Ganzem und nicht nur zu einem einigen "Objekt" der Liebe bestimmt. Trotzdem glauben die meisten Menschen, Liebe komme erst durch ein Objekt zustande und nicht aufgrund einer Fähigkeit. Man könnte diese Einstellung mit der eines Menschen vergleichen, der gern malen möchte und der, anstatt diese Kunst zu erlernen, behauptet, er brauche nur auf das richtige Objekt warten und wenn er es gefunden habe, werde er wunderbar malen können.

"Die Kunst des Liebens" von Erich Fromm

06.04.2013

Ein Mann der schläft


Dies ist dein Leben. Dies gehört dir.  Du kannst eine genaue Inventur deines mageren Reichtums machen, die präzise Bilanz deines ersten Vierteljahrhunderts. Du bist fünfundzwanzig Jahre alt und hast neunundzwanzig Zähne, drei Hemden, und acht Socken, einige Bücher, die du nicht mehr liest, einige Schallplatten, die du nicht mehr hörst. Du hast kaum gelebt und doch ist alles schon gesagt, schon vorbei. Die Rollen sind verteilt, die Etikette liegen bereit: vom Topf deiner frühen Kindheit bis zum Rollstuhl deiner alten Tagen stehen alte Sitze da und warten, bis sie dran sind. Deine Abenteuer sind so genau beschrieben, dass der gewaltigste Aufruhr niemanden mit der Wimper zucken ließe. Selbst wenn du auf die Straße läufst und den Leuten die Hüte herunter schlägst, wenn du deinen Kopf mit Kehricht bedeckst, barfuß gehst, Manifeste veröffentlichst, mit dem Revolver auf irgendeinen Usurpator schießt, es wird sich nicht daran ändern: dein Bett im Schlafsaal des Altersheims ist bereits gerichtet. Du wirst dem Teufel nicht deine Seele verkaufen, du wirst dich nicht mit Sandalen an den Füßen in den Ätna stürzen, du wirst nicht das siebte Weltwunder zerstören. Alles ist schon für deinen Tod bereitet: die Kanonenkugel, die dich dahinraffen wird, ist schon seit langem geschmolzen, die Klageweiber, die deinem Sarg folgen werden, sind schon bestimmt.

Warum solltest du auf die Gipfel der höchsten Berge steigen, wenn du nachher doch wieder herunter musst und wenn du dann wieder unten bist, wie schaffst du es, dass du nicht dein ganzes Leben lang davon erzählst, wie du es angestellt hast, um hinaufzuklettern? Warum solltest du so tun, als lebtest du? Warum solltest du weitermachen? Weißt du denn nicht schon alles, was dir zustoßen wird? Bist du nicht schon alles gewesen, was du sein solltest: der würdige Sohn deines Vaters und deiner Mutter, der tapfere kleine Pfadfinder, der gute Schüler, der mehr hätte leisten können, der Jugendfreund, der entfernte Vetter, der schöne Soldat, der arme junge Mann? Einige Anstrengungen, nicht einmal einige Anstrengungen, nur noch einige Jahre und du wirst die mittlere Führungskraft sein, der liebe Kollege. Ein guter Ehemann, ein guter Vater, ein guter Staatsbürger. Ein alter Kämpfer. Nach und nach wirst du die Sprossen des gesellschaftlichen Erfolgs erklimmen..
Nein. Du ziehst es vor, das fehlende Einzelteil des Puzzles zu sein. Du hälst dich raus. Du lässt dich vom Glück nicht anlächeln und setzt nicht alles auf eine Karte. Du spannst den Pflug vor die Ochsen, du wirfst die Flinte ins Korn, du verkaufst die Haut des Bären, den du nicht hast, du isst deinen Weizen am Halm, du trinkst bis zur Neige, du legst die Schlüssel unter die Tür, du gehst, ohne dich umzudrehen. 

Ein Mann der schläft - Georges Perec

30.03.2013

Alberne Wohlstandswehwehchen


Thomas Stern hatte in seiner Jugend passabel Klavier gespielt. Und wenn er auch nie mit dem nötigen Talent gesegnet gewesen war, eine musikalische Karriere einzuschlagen, plagte ihn doch das schlechte Gewissen, längst alles, was er einst gelernt hatte, vergessen zu haben. Irgendwann war in ihm die Entscheidung für ein sicheres Leben in Wohlstand gereift. Das ging schon in Ordnung, an ihm war, wie gesagt, kein zweiter Mozart verlorengegangen, weiß Gott nicht. Und wiewohl er für Höheres im Leben - Musik, Kunst, Literatur - eine sensible Antenne besaß, so schätzte er doch auch die Vorteile, die ihm jene sehr bewußt getroffene Grundentscheidung zugeschanzt hatte, als da waren: wenig Langeweile durch enorm viel Arbeit, ein hübsch gelegenes, geräumiges Häuschen, eine liebreizende Frau ohne Kinderwunsch, die auch sonst kaum Zicken machte, eine sportliche, hinreißende Geliebte, die nicht übertrieben kostspielig war, dazu sieben Wochen Urlaub im Jahr. Was konnte ein durchschnittlich begabter Mann schon mehr verlangen von diesem relativ kurzen Leben? Gut, sicher, er würde der Menschheit keine Geschenke hinterlassen, würde unbesungen begraben und binnen dreier Generationen vergessen werden. Aber geschadet hatte er doch auch niemanden. Insgesamt glaubte er, beruflich den Weg des geringsten Widerstands gegangen zu sein und seine Grenzen nicht genügend ausgelotet zu haben. Alberne Wohlstandswehwehchen.

Sarah liebte es, während der Kampfhandlungen getroffen zu werden. Nicht, daß sie keinen sportlichen Ehrgeiz besaß, nein, es verschaffte ihr Befriedigung jemanden abzuschießen. Aber sie war auch eine prima Verliererin, und der Moment, wenn eine Farbkugel auf ihrem Trainingsanzug platzte und sie, getroffen, das Spielfeld auf ihrem Spielfeld verlassen mußte, besaß etwas existenziell Erregendes. Sie lernte sich neu kennen und hegte bald den Verdacht, masochistische Spielarten des Sex zugänglicher zu sein, als sie es je für möglich gehalten hatte. Thomas hatte jedesmal um Erlaubnis gefragt, bevor er, in grauer Vorzeit, in sie eingedrungen war. Und ihrer Erziehung gemäß war Sarah um jene Nachfrage stets dankbar gewesen; ihre Mutter hatte ihr eingeschärft , den Kerlen bloß nie die Macht zu überlassen. Jetzt, mit vierzig, dachte Sarah darüber nach, ob ihre Mutter ihre Ehe von Anfang an sabotiert haben könnte, mit einem einzigen gutgemeinten Ratschlag. Während Sarah das Gewehr nachlud, dachte sie daran, wie es wäre vor einem Erschießungskommmando zu stehen., an einen Pfahl gefesselt - und überall auf ihrem Körper zerplatzten bunte Farbkugeln. Das war schon abartig, fand sie, und beschloß, niemanden davon zu erzählen. 

Einsamkeit und Sex und Mitleid - Helmut Krausser

21.03.2013

Scheiden

Noch einen Blick voll Liebessegen,
Noch einen Kuß, bevor wir gehn!
Als lichten Schatz auf dunkeln Wegen,
Als Zehrung bis zum Wiedersehn!

Ob wir auch enger uns umfassen,
Die Arme schlingen wie ein Band:
Es gilt zu scheiden und zu lassen,
Und nicht zu ketten Hand in Hand.

So wandle denn die Bahn der Schmerzen,
Die Liebe wird dein Engel sein;
Leb' wohl, leb wohl!
Reiff' Herz vom Herren!
Und weine nicht und denke mein!

Gott schütze dich auf deinen Wegen,
Daß ich dich fröhlich wiederseh'!
Noch einen Blick voll Liebessegen,
Noch einen Kuß, und nun Ade!

Ludwig Pfau
Karl Ludwig Pfau (* 25. August 1821 in Heilbronn; † 12. April 1894 in Stuttgart) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Revolutionär. 1839 zog er nach Frankreich, wo er ab 1840 in Paris Kunst und Literatur studierte. 1841 kehrte er nach Deutschland zurück, begann ein Studium der Philosophie. Er wirkte bei der Märzrevolution mit und gehörte ab 1864 zu den Gründern der demokratischen Volkspartei DVP.

Gold, Gold, Gold


Sie dachten nur daran, daß siebenhunderttausend Pfund in Gold irgendwo unter dem Schatten dieses Baumriesen vergraben sein müßten. Die Gedanken an das Gold verdrängte den Schrecken, den das Skelett und die Geisterstimme geweckt hatten. Ihre Augen glühten, ihre Pulse pochten, ihr Atem ging rasch, die Füße vergaßen alle Müdigkeit. Ihr ganzes Innere war erfüllt von dem einzigen Gedanken: Gold, Gold, Gold wollten sie haben, sogleich auf der Stelle, um damit zu leben, wie der reiche Mann im Evangelium, "alle Tage herrlich und in Freuden."

Silver hinkte grollend auf seiner Krücke hinter den andern her. Die Hitze belästigte ihn und die Fliegen machten ihm das Lebens sauer. Vergeblich schlug er nach ihnen, wenn sie sich ihm saugend und stechend ins Gesicht setzten. Dann riß er wütend an der Leine, mit der er mich immer noch wie einen Hund leitete, und von Zeit zu Zeit sah er mich mit einem wahren Mörderblick an. Er gab sich also nicht die geringste Mühe, seine Gedanken zu verbergen und ich las sie ihm vom Gesicht ab, als wären sie mit großen Buchstaben hineingeschrieben. Die unmittelbare Nähe des Goldschatzes ließ ihn alles vergessen, seine großen Versprechungen und die Warnungen des Doktors vergingen wie Spreu im Winde und ich durfte nicht daran zweifeln, daß er nach der Besitznahme des Goldschatzes auch die Hispaniola ausfindig machen würde. Ihm war zuzutrauen, daß er, unter dem Schutze der Nacht, allen rechtschaffenen Menschen auf der Insel die Gurgel abschnitt und dann beladen mit Gold und Verbrechen das offene Meer erreichte. Solche Gedanken erschütterten mich gewaltig, so daß ich Mühe hatte, mit den voranstürmenden Schatzgräbern Schritt zu halten. Manchmal stolperte ich und fiel, dann riß Silver heftiger an der Leine und blickte mich bitterböse an. Mir graute es vor diesen Mörderaugen. 

"Die Schatzinsel" von Robert Louis Stevenson

19.03.2013

Warum Sozialismus?

Die Produktion ist für den Profit da - nicht für den Bedarf. Es gibt keine Vorsorge dafür, daß all jene, die fähig und bereit sind, zu arbeiten, immer Arbeit finden können. Es gibt fast immer ein "Heer von Arbeitslosen". Der Arbeiter lebt dauernd in der Angst, seinen Job zu verlieren. Da arbeitslose und schlecht bezahlte Arbeiter keinen profitablen Markt darstellen, ist die Warenproduktion beschränkt und große Not ist die Folge. Technologischer Fortschritt führt häufig zu mehr Arbeitslosigkeit statt zu einem Milderung der Last der Arbeit für alle. Das Gewinnmotiv ist in Verbindung mit der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten für Instabilität in der Akkumulation und Verwendung des Kapitals verantwortlich und dies bedeutet zunehmende Depressionen. Unbegrenzte Konkurrenz führt zu einer riesigen Verschwendung von Arbeit und zu dieser Lähmung des sozialen Bewußtseins von Individuen, die ich zuvor erwähnt habe.


Diese Lähmung der Einzelnen halte ich für das größte Übel des Kapitalismus. Unser ganzes Bildungssystem leidet darunter. Dem Studenten wird ein übertriebenes Konkurrenzstreben eingetrichtert und er wird dazu ausgebildet, raffgierigen Erfolg als Vorbereitung für seine zukünftige Karriere anzusehen.

Ich bin davon überzeugt, daß es nur einen Weg gibt, dieses Übel loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen Zielsetzungen orientiert. In solch einer Wirtschaft gehören die Produktionsmittel der Gesellschaft selbst und ihr Gebrauch wird geplant. Eine Planwirtschaft, die die Produktion auf den Bedarf der Gemeinschaft einstellt, würde die durchzuführende Arbeit unter all denjenigen verteilen, die in der Lage sind zu arbeiten und sie würde jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind einen Lebensunterhalt garantieren. Die Bildung hätte zum Ziel, daß die Individuen zusätzlich zur Förderung ihrer eigenen angeborenen Fähigkeiten einen Verantwortungssinn für die Mitmenschen entwickeln anstelle der Verherrlichung von Macht und Erfolg in unserer gegenwärtigen Gesellschaft.

"Warum Sozialismus?" (1949) von Albert Einstein

18.03.2013

Ich liebte Dich

Ich liebte Dich: vielleicht ist dieses Feuer
In meinem Herzen noch nicht ganz verglüht;
Doch Deine Ruh ist mir vor Allem theuer,
Durch nichts betrüben will ich Dein Gemüth.

Ich liebte Dich, stumm, hoffnungslos und schwerlich,
In aller Qual, die solche Liebe giebt —
Ich liebte Dich so wahrhaft und so herzlich,
Gott geb', daß Dich ein Andrer je so liebt!

Alexander Puschkin
Aus dem Russischen von Friedrich Martin Bodenstedt
Alexander Sergejewitsch Puschkin (* 26. in Moskau; † 29. Januar in Sankt Petersburg durch einen Bauchschuss) gilt als russischer Nationaldichter und Begründer der modernen russischen Literatur. Bis zum Einmarsch Napoleons in Moskau 1812 sprach die russische Oberschicht Französisch. Nach dem darauf folgenden Brand Moskaus fragte man sich, warum man eigentlich die Sprache des Feindes spreche. Puschkin bereitete in seinen Gedichten, Dramen und Erzählungen der Verwendung der Umgangssprache den Weg.

17.03.2013

über reden und sehen

Männergehirne sind stark in einzelne Bereiche unterteilt und können Informationen trennen und speichern. Am Ende eines problemreichen Tages kann ein Männergehirn die ganzen Probleme einfach in Schubladen ablegen. Das weibliche Gehirn dagegen kann Informationen nicht in der gleichen Weise ablegen - die Probleme spuken einer Frau unweigerlich weiter im Kopf herum.
Männer können ihre Probleme in einen mentalen "Index" aufnehmen und in eine Warteschleife stellen. Die Probleme von Frauen hingegen laufen in ihrem Kopf Amok. Die einzige Art und Weise, wie eine Frau ihre Probleme loswerden kann, ist, sie zur Kenntnis zu nehmen, indem sie darüber redet. Wenn eine Frau also am Ende eines Tages redet, sucht sie keine Lösungen und will auch keine Schlüsse ziehen, sie will sich einfach nur ihre Probleme von der Seele reden.[...]

Mann: Wo ist die Butter?
Frau: Im Kühlschrank.
Mann: Da schaue ich ja gerade, aber ich kann keine Butter sehen.
Frau: Sie ist aber da. Ich hab sie erst vor zehn Minuten in den Kühlschrank gestellt.
Mann: Nein, du musst sie irgendwo anders hingetan haben. In diesem Kühlschrank jedenfalls ist keine Butter!

Als Jäger musste der Mann in der Lage sein, eine Beute in der Ferne anzuvisieren und sie dann zu verfolgen. Er entwickelte beinahe so etwas wie Scheuklappen, damit er nicht von einem Ziel abgelenkt wurde. Die Frau benötigte ein weites Blickfeld, damit sie mögliche Raubtiere. die um ihr Nest herumstrichen, erspähen und beobachten konnte. Das ist der Grund, warum der moderne Mann problemlos den Weg zu einer entlegenen Kneipe findet, selten aber Sachen in Schränken, Schubladen und Kühlschränken.

Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken - Allan & Barbara Pease

15.03.2013

Ging Dir nach im Wind

Ging Dir nach im Wind, Deine Haare flogen,
Wolken kamen wild, als ob sie die Berge zogen.

Und auf unserem stürmischen Abendgange,
Lehnte sich der Wind unter Deinem Schleier, dicht an Deine Wange,
Preßte Deine Kleider um die Knie, wollt' Dich halten
Wie ein Freier, dessen Hände sich um Deinen Körper falten.
Wie ein Tänzer wirbelt, wollt' er Dich entzücken,

Aber Du - lachst ihn aus, wendest ihm den Rücken.
Und der Wind läuft nebenher, fährt Dir um die Schläfen,
Muß im Dunkel, wie ein Hund, abgewiesen kläffen.

Max Dauthendey
Max Dauthendey (* 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java) war ein deutscher Dichter und Maler. Der Vater von Max Dauthendey, Karl Dauthendey, siedelte als deutscher Kolonist in St. Petersburg, drei Jahre vor der Geburt Max Dauthendeys zog die Familie Dauthendey nach Würzburg um. Dauthendey wuchs in Würzburg als Sohn wohlhabender Eltern auf und erlebte eine glückliche Kindheit, die durch den frühen Tod seiner Mutter Caroline Dauthendey 1873 getrübt wurde.

Erst wenn

Ein Teil von uns verabschiedet sich still und langsam von der Außenwelt ins Private, während andere als ewig Junggeblieben von Party zu Party tollen. Alkohol ist in großen wie in übergroßen Mengen der Freund von vielen. Benehmen und Etikette leiden dagegen unter Schwindsucht. Engagement oder gar eine eigene Meinung sind nicht unser Ding. Diese unbeteiligte Haltung ist vielleicht einfacher dafür aber umso schlechter für unser Image: Von der ZEIT wurden unsere Jahrgänge unlängst als Generation abgekanzelt, "die Gründe hat zu rebellieren, aber nicht will." Erst wenn wir erkannt haben, warum das so ist, können wir daran etwas ändern.
Einer der Hauptgründe, warum unsere Generation als doof wahrgenommen wird, liegt in unserer mangelhalften Bildung. Denn wir sind zum echten Rebellenturm schlecht ausgerüstet, obwohl wir etwas vom Nörgeln verstehen. Wer rebellieren will, wer sich engagieren und aktiv leben will, wer eine eigene Meinung vertritt, der muss Hintergründe kennen und Geschehnisse einordnen können. Doch nicht nur Schiller, Shakespeare and friends locken schon lange keinen mehr hinter dem Ofen hervor. Lagerlöf halten wir für ein Regal beim schwedischen Möbelhaus und Nam June Paik für ein appetitliches Süppchen beim Koreaner um die Ecke. 

"Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten." Karl Kraus

"Generation Doof" von Stefan Bonner und Anne Weiss

Hi


Hi, ich bin das übellaunige, bohemienhafte Mitglied der Band. Blonder Frontmann. Vom Typ sensibler Künstler.

Ich mag: Pasta, Schildkröten, Mädchen mit komischen Augen, Schreiben, Lesen, meinen Mund halten, Kuchen verzieren, Reiten, Waffen reinigen, Sally-Struthers-Imitationen, Pina Coladas und vom Regen überrascht werden, Arschficken, Akupunktur, Malen, Freunde, Katzen, Ziegen, Mohair-Pullover, eine hübsche Armada von Hautunreinheiten in meinem Gesicht zu kultivieren, mir Schnitte beizubringen, mit meiner Band zu spielen, meine Frau und meine Familie und alle Leute, mit denen unsere Band zusammenarbeitet. Ich würde nur dann ein Batikhemd tragen, wenn es mit dem Blut von Gerry Garcia und dem Urin von Phil Collins hergestellt wurde. Hier sind ein paar Bands, die ich mag: [...]

"Tagebücher" - Kurt Cobain

13.03.2013

Liebesbriefwechsel

Liebste xxx,

meine freudige Erwartung, als ich bemerkte, dass eine Nachricht von ihnen für mich vorliegt, wich sogleich tiefer Bestürzung, als mir bewusst wurde, dass ihr Gemüt aufgrund meiner fortwährenden Abwesenheit negativ erregt zu sein schien. Ich möchte mein ehrliches Bedauern hierfür zum Ausdruck bringen und kann mich nur in sofern dafür Entschuldigen, indem ich ihnen die möglicherweise unbefriedigende Mitteilung machen muss, dass sich meine Nächte, dringlicher Geschäfte wegen, zur Zeit sehr verkürzen, was, wie sie in ihrer Nachricht so scharfsinnig bemerkten, auch mit der Tatsache zusammenhängt, dass es mit meiner Intelligenz nicht weiter hergeholt ist, als es mein Aussehen vermuten lässt. Um so mehr rührte es mein Herz und erfüllte es mich mit Stolz, dass sie meiner nicht Überdrüssig zu sein scheinen und mit soviel Nachsicht über meine Fehlfunktionen hinwegsehen. Im Weiteren seien sie sich gewiss, dass meine Empfindungen ihrer Person gegenüber noch so tief sind, dass ich ihre Verabschiedung als ihren sanften spott über meine eigenen Gefühle für sie empfinden musste, ohne jedoch ernsthaft gekränkt, sondern eher sehnsüchtig berührt zu sein. Glauben sie mir, wenn ich ihnen schreibe, dass meine Gedanken, nicht nur in nächtlichen Stunden, oft um sie und ihre Geschicke kreisen. Darum hoffe ich, dass sich in naher Zukunft die Gelegenheit ergibt, zumindest insofern übereinkommen zu können, dass wir unser gegenseitiges Interesse füreinander, bei einem Aufeinandertreffen an dieser Stelle, so weit wie möglich zu Stillen in der Lage sind. Bis dahin verweile ich schweren Herzens in dem Bewusstsein ihrer, zumindest temporären, Sehnsucht, für die ich mich unentschuldbar verantwortlich fühlen muss und baue sodenn, damit es mich nicht zu sehr betrübt, auf ihr sonstiges Wohlbefinden.


Liebste xxx, ich freue mich auf sie.

haar von dir

im kleiderschrank: ein haar von dir.
lecke dran. nein, war von mir.

doch lohnte sich die illusion,
ich pflücke immer mehr davon,
von meinem kopf - dort gibt es ja
nichts als haar, haar, haar, haar, haar.

und denke stets ein paar sekunden,
ich hätt' ein haar von dir gefunden.

so denk ich immer nur an dich,
und weine und skalpiere mich.

Autor unbekannt

12.03.2013

Sie will

Pan schleicht der Nymphe nach, aber Rosie sieht nur den Jungen, den zwölfjährigen, da ist er weiß Gott schon wieder, sie ärgert sich sehr. Die Felsentreppe herunter kommt er lautlos auf staubgrauen Füßen, jetzt ohne sein Hündchen, gesprungen.


Was willst du? sagt Rosie, geh heim, und will ihren Weg fortsetzen, der gerade jetzt ein Stück weit ganz ohne Geländer an der Felswand hinführt, drunten liegt der Abgrund und das Meer. Der Junge fängt gar nicht wieder an mit seinem Ecco il mare, ecco l'isola, aber er lässt sich auch nicht nach Hause schicken, er folgt ihr und gibt jetzt einen seltsamen, fast flehenden Laut von sich, der etwas Unmenschliches hat und der Rosie erschreckt. Was hat er, was will er? denkt sie, sie ist nicht von gestern, aber das kann doch wohl nicht sein, er ist höchstens zwölf Jahre alt, ein Kind. Es kann doch nicht sein, der Junge hat zuviel gehört von den älteren Freunden, den großen Brüdern, ein Gespräch ist da im Ort, ein ewiges halblautes Gespräch von dem fremden Mädchen, die so liebessüchtig und willfährig sind und die allein durch die Weingärten und die Ölwälder schweifen, kein Ehemann, kein Bruder zieht den Revolver, und das Zauberweort amore amore schon lockt ihre Tränen, ihre Küsse hervor. Herbstgespräche sind das, Wintergespräche, im kalten, traurigen Cafe oder am nassen, grauen, überaus einsamen Strand, Gespräche, bei denen die Glut des Sommers wieder entzündet wird. Warte nur, Kleiner, in zwei Jahren, in drei Jahren kommt auch für dich eine über den Marktplatz geht sie, du stehst am Fenster und sie lächelt dir zu., Dann lauf nur hinterher, Kleiner, genier dich nicht, pack sie, was sagst du, sie will nicht, aber sie tut doch nur so, sie will.

"Lange Schatten" - Marie Luise Kaschnitz

28.02.2013

Der Augsburger Kreidekreis



»Es ist nicht festgestellt worden, wer „die rechte Mutter ist«, sagte er. »Das Kind ist zu bedauern. Man hat schon gehört, dass die Väter sich oft drücken und nicht die Väter sein wollen, die Schufte, aber hier melden sich gleich zwei Mütter. Der Gerichtshof ist zu der Überzeugung gelangt, dass beide wie gedruckt lügen. Nun ist aber, wie gesagt, auch noch das Kind zu bedenken, das eine Mutter haben muss. Man muss also, ohne auf bloßes Geschwätz einzugehen, feststellen, wer die rechte Mutter des Kindes ist.« Und mit ärgerlicher Stimme rief er den Gerichtsdiener und befahl ihm, eine Kreide zu holen.

Der Gerichtsdiener ging und brachte ein Stück Kreide.
»Zieh mit der Kreide da auf dem Fußboden einen Kreis, in dem drei Personen stehen können« ‚ wies ihn der Richter an.
Der Gerichtsdiener kniete nieder und zog mit der Kreide den gewünschten Kreis.
»Jetzt bring das Kind«‚ befahl der Richter.
Das Kind wurde hereingebracht. Es fing wieder an zu heulen und wollte zu Anna. Der alte Dollinger kümmerte sich nicht um das Geplärr und hielt seine Ansprache nur in etwas lauterem Ton.
»Diese Probe, die jetzt vorgenommen werden wird«‚ verkündete er,»habe ich in einem alten Buch gefunden, und sie gilt als recht gut. Der einfache Grundgedanke der Probe mit dem Kreidekreis ist, dass die echte Mutter an ihrer Liebe zum Kind erkannt wird. Also muss die Stärke dieser Liebe erprobt werden. Gerichtsdiener, stell das Kind in diesen Kreidekreis.« Der
Gerichtsdiener nahm das plärrende Kind von der Hand der Amme und führte es in den Kreis. Der Richter fuhr fort, sich an Frau Zingli und Anna wendend
»Stellt auch ihr euch in den Kreidekreis, fasst jede eine Hand des Kindes, und wenn ich "los" sage, dann bemüht euch, das Kind aus dem Kreis zu ziehen. Die von euch die stärkere Liebe hat, wird auch mit der größeren Kraft ziehen und so das Kind auf ihre Seite bringen. Im Saal war es unruhig geworden. Die Zuschauer stellten sich auf die Fußspitzen und stritten sich mit den vor ihnen Stehenden.
Es wurde aber totenstill, als die beiden Frauen in den Kreis traten und jede eine Hand des Kindes fasste. Auch das Kind war verstummt, als ahnte es, um was es ginge. Es hielt sein tränenüberströmtes Gesichtchen zu Anna emporgewendet. Dann kommandierte der Richter »Los ! «. Und mit einem einzigen heftigen Ruck riss Frau Zingli das Kind aus dem Kreidekreis. Verstört und ungläubig sah Anna ihm nach. Aus Furcht, es könne Schaden erleiden, wenn es an beiden Armchen zugleich in zwei Richtungen gezogen würde, hatte sie es sogleich losgelassen.
Der alte Dollinger stand auf.
»Und somit wissen wir«‚ sagte er laut, »wer die rechte Mutter ist. Nehmt der Schlampe das Kind weg. Sie würde es kalten Herzens in Stücke reißen.« Und er nickte Anna zu und ging schnell aus dem Saal, zu seinem Frühstück.

"Der Augsburger Kreidekreis" - Bertolt Brecht
"Die besten deutschen Erzählungen" - ausgesucht von Marcel Reich-Ranicki

04.02.2013

He'll lose it


The major came very regularly to the hospital. I do not think he ever missed a day, although I am sure he did not believe in the machines. There was a time when none of us believed in the machines and one day the major said it was all nonsense. The machines were new then and it was we who were to prove them. I had not learned my grammar and he said I was a stupid impossible disgrace and he was a fool to have bothered with me. He was a small man and sat straight up in his chair with his right hand thrust into the machine and looked straight ahead at the wall while the straps thumped up and down with his fingers in them.
"What will you do when the war is over, if it is over?" he asked me. "Spreak grammatically!"
"I will go to the States."
"Are you married?"
"No, but i hope to be."
"The more of a fool you are," he said. He seemed very angry. "A man must not marry."
"Why, Signor Maggior?"
"Don' call me Signor Maggiore."
"Why must not a man marry?"
"He cannot marry. He cannot marry", he said angrily. "If he is to lose everything, he should not place himself in a position to lose that. He should not place himself in a position to lose. He should find things he cannot lose."
"He spoke very angrily and bitterly, and looked straight ahead while he talked.
"But why should he necessarily lose it?"
"He'll lose it", the major said. He was looking at the wall. Then he looked down at the machine and jerked his little hand out from between the straps and slapped it hard against his thigh. "He'll lose it.", he almost shouted."Don't argue with me!"

Men without woman - Ernest Hemingway

31.01.2013

Krambambuli

Wie er nun mit seiner Arbeit fertig ist, hängt er die Flinte wieder um und schlägt den kürzesten Weg ein, quer durch den Wald gegen die Kulturen in der Nähe des Lindenrondells. Im Augenblick, in dem er auf den Fusssteig treten will, der längs des Buchenzaunes läuft, ist ihm, als höre er etwas im Laube rascheln. Gleich darauf herrscht jedoch tiefe Stille, tiefe, anhaltende Stille. Fast hätte er gemeint, es sei nichts Bemerkenswertes gewesen, wenn nicht der Hund so merkwürdig dreingeschaut hätte. Der stand mit gesträubtem Haar, den Hals vorgestreckt, den Schwanz aufrecht, und glotzte eine Stelle des Zaunes an. Oho! dachte Hopp, wart, Kerl, wenn du's bist! Trat hinter einen Baum und spannte den Hahn seiner Flinte. Wie rasend pochte ihm das Herz, und der ohnehin kurze Atem wollte ihm völlig versagen, als jetzt plötzlich - Gottes Wunder! - durch den Zaun der «Gelbe» auf den Fusssteig trat. Zwei junge Hasen hingen an seiner Weidtasche, und auf seiner Schulter, am wohlbekannten Juchtenriemen, der Hinterlader des Oberförsters. Nun wär's eine Passion gewesen, den Racker niederzubrennen aus sicherem Hinterhalt.

Aber nicht einmal auf den schlechtesten Kerl schiesst der Jäger Hopp, ohne ihn angerufen zu haben. Mit einem Satze springt er hinter dem Baum hervor und auf den Fusssteig und schreit: «Gib dich, Vermaledeiter!» Und als der Wildschütz zur Antwort den Hinterlader von der Schulter reisst, gibt der Jäger Feuer... All ihr Heiligen - ein sauberes Feuer! Die Flinte knackst, anstatt zu knallen. Sie hat zu lang mit aufgesetzter Kapsel im feuchten Wald am Baum gelehnt - sie versagt.
Gute Nacht, so sieht das Sterben aus, denkt der Alte. Doch nein - er ist heil, sein Hut nur fliegt, von Schroten durchlöchert, ins Gras.
Der andre hat auch kein Glück; das war der letzte Schuss in seinem Gewehr, und zum nächsten zieht er eben erst die Patrone aus der Tasche...
«Pack an!» ruft Hopp seinem Hunde heiser zu: «Pack an!» Und:
«Herein, zu mir! Herein, Krambambuli!» lockt es drüben mit zärtlicher, liebevoller - ach, mit altbekannter Stimme...
Der Hund aber -
Was sich nun begab, begab sich viel rascher, als man es erzählen kann.

Krambambuli hatte seinen ersten Herrn erkannt und rannte auf ihn zu, bis - in die Mitte des Weges. Da pfeift Hopp, und der Hund macht kehrt, der «Gelbe» pfeift, und der Hund macht wieder kehrt und windet sich in Verzweiflung auf einem Fleck, in gleicher Distanz von dem Jäger wie von dem Wildschützen, zugleich hingerissen und gebannt...
Zuletzt hat das arme Tier den trostlos unnötigen Kampf aufgegeben und seinen Zweifeln ein Ende gemacht, aber nicht seiner Qual. Bellend, heulend, den Bauch am Boden, den Körper gespannt wie eine Sehne, den Kopf emporgehoben, als riefe es den Himmel zum Zeugen seines Seelenschmerzes an, kriecht es - seinem ersten Herrn zu.

Bei dem Anblick wird Hopp von Blutdurst gepackt. Mit zitternden Fingern hat er die neue Kapsel aufgesetzt - mit ruhiger Sicherheit legt er an. Auch der «Gelbe» hat den Lauf wieder auf ihn gerichtet. Diesmal gilt's! Das wissen die beiden, die einander auf dem Korn haben, und was auch in ihnen vorgehen möge, sie zielen so ruhig wie ein paar gemalte Schützen.
Zwei Schüsse fallen.

Krambambuli - Marie von Ebner-Eschenbach

26.01.2013

Ich sage zwei

Mit jedem Tag und ausgehend von beiden Seiten meines Verstandes, der moralischen und der intellektuellen, kam ich so jener Wahrheit näher, durch deren unvollständige Entdeckung ich zu einem so grässlichen Scheitern verurteilt worden bin: dass der Mensch in Wirklichkeit nicht einer ist, sondern zwei. Ich sage zwei, weil der Stand meines eigenen Wissens über diesen Punkt nicht hinausgeht. Andere werden folgen, andere werden mich in derselben Richtung übertreffen; und ich wage die Vermutung, dass man den Menschen letztlich als ein bloßes Gemeinwesen mannigfaltiger, unvereinbarer und abhängiger Bewohner kennenlernen wird. Ich für mein Teil schritt, wie es der Natur meines Lebens entsprach, unfehlbar in eine Richtung und nur in eine Richtung fort. Es war auf der moralischen Seite und an meiner eigenen Person, dass ich die umfassende und ursprüngliche Dualität des Menschen zu begreifen lernte; ich sah, dass sich von den zwei Naturen, die im Feld meines Bewusstseins miteinander rangen, überhaupt nur deshalb zutreffenderweise feststellen ließ, ich sei eine von beiden, weil ich radikal beide war; und schon sehr früh, noch bevor der Gang meiner wissenschaftlichen Entdeckungen mich auch nur auf die bloße Möglichkeit eines solchen Wunders gebracht hatte, war ich daran gewöhnt, in einem geliebten Tagtraum zu schwelgen, dem Gedanken einer Trennung dieser Elemente. Wenn jedes, sagte ich mir, nur in gesonderten Identitäten untergebracht werden könnte, dann wäre das Leben von allem, was es Unerträgliches an sich hat, befreit; der Ungerechte könnte seinen Weg gehen und wäre von den Ansprüchen und Gewissensbissen seines aufrechteren Zwillings entlastet; und der Gerechte könnte charakterfest und sicher auf seinem aufsteigendem Pfad wandeln, die guten Werke tun, an denen er seine Freude hat und wäre der Schande und Reue nicht länger ausgesetzt, die ihm dieses außerliche Böse einträgt. Es war der Fluch der Menschheit, dass diese unvereinbaren Bestandteile derart aneinandergekettet wurden - dass diese gegensätzlichen Zwillinge unaufhörlich im gequälten Schoß des Bewusstseins miteinander kämpfen sollten. Wie aber trennte man sie?

Dr. Jekyll und Mr. Hyde - Robert Louis Stevenson

25.01.2013

Irgendwann wird es sonst ungesund

"Irgendwann wird es sonst ungesund. Und du willst ja nicht, dass wir den Notarzt rufen müssen, der die Tür aufhebelt und dann bescheuert in deinem Zimmer steht, obwohl es dir doch blendend geht und du sicher irgendwann von alleine herausgekommen wärst." Sie hält inne, Oskar gibt einen Ton von sich, als wäre ein Krampf in ihn gefahren." "Vielleicht ist es jetzt so weit. Ja, ich denke, Junge, dass es so weit ist. - Komm, es ist jetzt schon die Geschichte deines Lebens. Ich meine, er hat sich denn derart bewiesen, er hat etwas so Radikales durchgezogen!" Sie lauscht wieder für eine Weile. "Jetzt komm, dreh den Schlüssel um. Ja? Dreh ihn um, komm raus, lass dich feiern. Oskar ist auch da. Du hast nichts zu befürchten, keine Strafe, nein. Ja? Scheiße. Till. Till?" Sie klopft erst leicht, dann immer fester an die Tür. "Till? Till, du willst doch nicht, dass es so endet? Wir sind immer noch stolz auf dich. Aber jetzt komm wirklich raus. Ja? Till. Jetzt komm endlich aus diesem verdammten Scheißzimmer raus. Hast du mich gehört?! Verdammte Scheiße, der Spaß ist jetzt echt vorbei. Till? TILL! KOMM ENDLICH AUS DIESEM VERDAMMTEN LOCH RAUS!" Sie wendet sich erschöpft ab, starrt lange Zeit auf ihre zitternden Hände.
Oskar ist über ihr erschienen, sie schaut ihn von unten nach oben an, ihre Augen glasig. Oskar trägt jetzt Straßenschuhe.
"Was hast du vor?", flüstert sie schwach.
"Ich gehe in den Keller."
"In den Keller?"
"Ich stelle ihm die Heizung ab."
"Es ist Oktober."
"Es wird noch früh genug kalt werden."
"Weißt du überhaupt, wie das geht?"
"Das werde ich schon herausfinden."
Oskar schaltet die Lichter hinter sich aus, als er die Tür zum Treppenhaus aufstößt. Karola bleibt im dunklen Gang zurück, mit dem Rücken gegen Tills Zimmertür gelehnt, in der Hand eine Zigarette. Nur aus dem Zimmer der Schwester fällt noch ein schmaler Streifen Licht in den Gang. Karola spielt gedankenverloren mit der Zigarette, lässt sie von Finger zu Fingern wandern. In einem Ruck wird die Tür zum Zimmer der Schwester zugezogen. Dunkelheit.

"Hikikomori" - Kevin Kuhn

14.01.2013

mir ist

Mir ist du wärst mein eigen,
wenn nach Jahren ich dich male,

weiche Linien dich zeigen,
über Falten dich besteigen,
mich demütig verneigen,

stets du meine Schwäche bist,
mich vehement neu triffst,
und kein Tag der dich vergisst.

Talen

08.01.2013

Der Geburtstag der Infantin

Was war das? Er überlegte einen Augenblick und sah sich nach dem anderen Teil des Raumes um. Es war sonderbar, aber alles schien in dieser unsichtbaren Wand aus klarem Wasser sein Ebenbild zu haben. Ja, Bild für Bild wiederholte sich und ein Ruhebett um das andere. Der schlafende Faun, der in dem Alkoven neben dem Türbogen lag, hatte seinen schlummernden Zwillingsbruder, und die silberne Venus, die im Sonnenlicht stand, hielt ihre Arme einer ebenso lieblichen Venus entgegen.
War es das Echo? Er hatte es einmal im Tal angerufen, und es hatte ihm Wort für Wort geantwortet. Konnte es das Auge narren, wie es die Stimme nachäffte? Konnte es eine Scheinwelt schaffen, geradeso wie die richtige Welt? Konnten die Schatten der Dinge Farbe, Leben und Bewegung haben? Konnte es sein, dass ... ?
Er erschrak, und während er von seiner Brust die schöne weiße Rose nahm, drehte er sich um und küsste sie. Die Missgeburt hatte auch eine Rose, Blatt für Blatt die gleiche! Sie küsste sie mit gleichen Küssen und drückte sie mit grässlichen Gebärden an die Brust.
Als ihm die Wahrheit dämmerte, stieß er einen wilden Schrei der Verzweiflung aus und fiel schluchzend zu Boden. Also war er es, der missgestalt und bucklig, widerwärtig anzusehen und lächerlich war. Er selbst war die Missgeburt, und über ihn hatten alle Kinder gelacht, und die kleine Prinzessin, von der er geglaubt hatte, sie liebe ihn - auch sie hatte sich nur über seine Hässlichkeit lustig gemacht und ihren Spaß gehabt an seinen verdrehten Beinen. Warum hatten sie ihn nicht im Wald gelassen, wo es keinen Spiegel gab, der ihm erzählte, wie abscheulich er war? Warum hatte ihn sein Vater nicht lieber getötet, als ihn zu seiner Schmach zu verkaufen? Heiße Tränen rannen über seine Wangen hernieder, und er zerpflückte die weiße Rose. Die auf dem Boden liegende Missgeburt tat das gleiche und warf die welken Blütenblätter in die Luft. Sie lag bäuchlings am Boden, und wenn er sie ansah, beobachtete sie ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht. Er kroch fort, damit er sie nicht sähe, und bedeckte die Augen mit den Händen. Er kroch wie ein verwundetes Geschöpf in den Schatten und blieb dort stöhnend liegen.
[...]
Aber der kleine Zwerg blickte nicht hoch, und sein Schluchzen wurde schwächer und schwächer, und plötzlich japste er auf sonderbare Weise nach Luft und griff sich in die Seite. Und dann fiel er wieder zurück und lag ganz still.
»Famos«, sagte die Infantin nach einer Pause, »aber jetzt musst du für mich tanzen.«
»Ja«, riefen alle Kinder, »du musst aufstehen und tanzen, denn du bist so geschickt wie die Berberaffen und viel komischer.«
Doch der kleine Zwerg gab keine Antwort.
Und die Infantin stampfte mit dem Fuß auf und rief ihren Onkel an, der draußen auf der Terrasse mit dem Kämmerer spazierte und einige Depeschen las, die soeben aus Mexico angelangt waren, wo man vor kurzem die Inquisition eingesetzt hatte. »Mein drolliger kleiner Zwerg schmollte, rief sie, »du musst ihn aufrütteln und ihm befehlen, dass er für mich tanzt.« Sie lächelten einander zu und schlenderten hinein, und Don Pedro beugte sich nieder und schlug dem Zwerg mit seinem gestickten Handschuh auf die Wange. »Du musst tanzen, petit monstre«, sagte er. »Du musst tanzen. Die Infantin von Spanien und den beiden Indien wünscht, unterhalten zu werden.«

Doch der kleine Zwerg rührte sich nicht.
»Man sollte einen Auspeitscher kommen lassen«, sagte Don Pedro müde und ging wieder auf die Terrasse. Der Kämmerer machte jedoch ein ernstes Gesicht und kniete sich neben den kleinen Zwerg und legte die Hand auf sein Herz. Und wenige Augenblicke später zuckte er die Achseln und stand auf, und nach einer tiefen Verneigung vor der Infantin sagte er: »Mi bella princesa, Euer drolliger kleiner Zwerg wird nie wieder tanzen. Schade drum, denn er ist so hässlich, dass er vielleicht den König zum Lächeln gebracht hätte.«
»Aber warum wird er nicht tanzen?« fragte die Infantin lachend.
»Weil ihm das Herz gebrochen ist«, antwortete der Kämmerer.
Und die Infantin runzelte die Stirn und warf in reizender Verachtung die hübschen rosenblättrigen Lippen auf. »In Zukunft lasst die, die zu mir spielen kommen, keine Herzen haben«, rief sie und lief hinaus in den Garten.

"Der Geburtstag der Infantin" - Oscar Wilde